Hauen und Stechen - eine Kunst

Keilen, fechten, schlagen: Auch das will gelernt sein. Kampfchoreograph Stefan Müller-Doriat studiert derzeit am Reutlinger Naturtheater die Keilereien ein.

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  • Jede Bewegung muss sitzen: Das Fuchteln mit Speeren und Schwertern muss genau einstudiert werden. 1/2
    Jede Bewegung muss sitzen: Das Fuchteln mit Speeren und Schwertern muss genau einstudiert werden. Foto: 
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    Kampfchoreograph Stefan Müller-Doriat zeigt mit den Fäusten, wie's geht. Fotos: Kathrin Kipp Foto: 
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Jede Bewegung muss präzise ablaufen, es muss echt aussehen, es muss Spannung erzeugen, und es darf nichts passieren: Das alles ist zu beachten, wenn's um handgreifliche Auseinandersetzungen auf der Bühne geht. Wir sehen Szenen, die eine Mischung aus Zauberei, Stuntshow und Tanztheater sind: Schwert- und Faustkämpfe, Ohrfeigen, blutige Schlägereien oder Fechtorgien auf der Bühne.

Kaum ein Spektakel kommt ohne sie aus. Nicht nur bei Shakespeare wird kräftig gezogen, geschlagen, gefochten, gewürgt und gekämpft, bis alle heulen und bluten, sondern auch bei zarteren Geschichten schallt mal die ein oder andere Ohrfeige. Und weil Theater meistens Illusion ist, muss es echt aussehen.

Auch bei den Stücken dieser Sommersaison am Naturtheater Reutlingen (NTR) wird munter gekämpft: Bei "Cabaret" kommt es zu einer Kneipenschlägerei, beim Kinderstück "Aladin" zum großen Finalkampf mit unterschiedlichen Waffen. Damit Sound, Optik, Dramaturgie und Sicherheit stimmen, ist Kampfchoreograph Stefan Müller-Doriat aus Stuttgart am Set.

Wie Regisseurin Susanne Heydenreich kommt er vom Theater der Altstadt. Der Schauspieler hat sich schon immer für Theater, Tanz und choreographierte Bewegungsabläufe interessiert. Er hat früher in der Landes- und Oberliga getanzt, auf der Schauspielschule Bühnenfechten gelernt und seitdem immer wieder Workshops besucht, unter anderem beim Kampf-Choreographen der "Herr der Ringe"-Trilogie.

Während seiner Zeit bei den Schwäbisch Haller Freilichtspielen hat er dann Einzelunterricht gegeben und sich seither in verschiedenen Waffen-Gattungen und Kampfstilen weitergebildet. Es ist enorm wichtig für die Bühne, dass ein Kampf professionell inszeniert ist: "Jede Bewegung muss präzise ausgeführt werden, sonst wird's gefährlich, oder die Choreo funktioniert nicht mehr", erklärt er. Bühnenkampf sei ja immer die letzte Konsequenz aus Streit-Dialogen. Sie erhöhen die Spannung bei den Zuschauern, die ja schon immer gerne zu Schaukämpfen gehen (selbst friedliebende Menschen), weil hier Gut und Böse miteinander ringen. Für die Spannung braucht's eine gut durchdachte Dramaturgie mit genauem Timing, Denk- und Kampfpausen, kurzen Niederlagen und Vorteilswechseln, Waffenverlust und Wiederaufbäumen.

"Wenn's schlecht gespielt ist, ist sofort die Spannung raus, das Publikum kann nicht mehr mitfiebern", sagt Müller-Doriat. Die Kampfszenen auf der Bühne müssen bei jeder Vorstellung exakt gleich ablaufen, auf Freilichtbühnen muss noch mit einberechnet werden, dass der Boden rutschig sein könnte. Improvisieren wäre gefährlich: "Keiner der Spielpartner darf überrascht werden." Überhaupt, es gibt keine "Gegner, sondern nur Partner", sagt Stefan Müller-Doriat immer zu seinen Darstellern. Und anders als beim kampflosen Schauspiel dürfen keine Emotionen im Spiel sein, sonst wird am Ende ein Schlag wuchtiger als gewollt.

So wie im Theater "der König immer von den anderen gespielt wird", so wird die Wucht eines Hiebes immer vom Gegenüber, vom Geschlagenen gespielt, nie vom eigentlichen Schläger. Wenn's gut gemacht ist, denken die Zuschauer: "Boah, der hat jetzt aber eins auf die Mütze bekommen", aber sie haben nicht den eigentlichen Schlag, sondern nur eine heftige Reaktion gesehen. Das Schlag-Geräusch muss immer im Verborgenen erzeugt werden - und wie in der Zauberei muss dabei der Blick der Zuschauer (ab-)gelenkt werden.

Müller-Doriat schreibt für seine Choreos richtige Notationen, Ablaufpläne mit entsprechenden Bewegungen, Schritten, Klingenschlägen, Paraden und Pausen als Lernzettel für die Kämpfer - eine ganz eigene Schrift- und Körpersprache.

Die Kampf-Choreographien werden auf die jeweiligen Figuren zugeschnitten. Jeder Charakter hat ja seinen eigenen Kampfstil. Aladin beispielsweise ist ja kein professioneller, dafür aber ein sehr schlauer Schwert-Kämpfer. Wichtig bei Keilereien ist auch die Körperspannung: Wenn man beispielsweise als "Bewusstloser" über die Bühne gezogen wird. Gekämpft wird mit allen Tricks, die Hiebe und Schläge müssen natürlich Spuren hinterlassen.

Dazu muss genau überlegt werden, wer, wo und wann die Blutkapsel platzen lässt. Es muss schlimm aussehen, gleichzeitig dürfen aber die Kostüme nicht versaut werden - man braucht sie ja noch. Das wird oft so gelöst, dass einer herbeiläuft, um dem Opfer "zu helfen" und dabei schnell die Kapsel platziert oder dem Getroffenen ein blaues Auge klebt. Zu den größten Erfolgen eines Kampfchoreographen, sagt Müller-Doriat, gehört es, wenn die Zuschauer sich fragen, "Wie haben sie denn das jetzt gemacht?"

Die Grenzen zum Stunt sind dabei fließend. Und beim "Aladin" dürfen sich die Zuschauer auf eine ganz besondere Show-Einlage freuen: Der Zauberer löst sich am Ende in Rauch auf und verschwindet plötzlich von der Bildfläche.

Naturtheater - Stücke

Naturtheater Reutlingen (NTR)

· "Cabaret", Musical von John Kander, ab 18. Juni

· "Aladin und die Wunderlampe", Kindertheater, ab 24. Juni

SWP

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