Halten, halten, halten, loslassen

Die Aktion "Menschen helfen Menschen" des DRK und der Stadt Pfullingen war ein voller Erfolg. 385 Menschen kamen zum Blutspenden. Wichtig ist die Zahl der Erstspender: 82 sind es - und ich gehöre dazu.

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Bürgermeister Rudolf Heß ist regelmäßiger Blutspender und fehlt deshalb bei der großen Aderlass-Aktion in Pfullingen selbstverständlich nicht. Foto: Anne Leipold

Soll ich hinsehen oder die Augen schließen? Die Arzthelferin nimmt die Nadel in ihre Hand. Ich frage, welche der beiden Möglichkeiten weniger schmerzhaft ist. Sie kann es mir nicht sagen. Schließlich kann ich den Blick nicht abwenden, sehe zu, wie die Nadel durch die Haut in meine Vene des linken Arms gleitet. Ich bin überrascht. Der Stich ist deutlich zu spüren, aber nur kurz. Kein Pochen, kein Druck, kein Schmerz. Ich entspanne mich.

Sie drückt mir einen silbernen Stoffball in die linke Hand. "Halten, halten, halten, loslassen" lautet die Anweisung. Ich muss pumpen, um das Blut besser fließen zu lassen. Das passiert zunächst schleppend, die digitale Anzeige zählt nur langsam, wie viel Blut in den Beutel fließt. Ich pumpe weiter, endlich geht es schneller. Bei 287 Milliliter aber gerät der Fluss erneut ins Stocken. Ich bin ratlos, pumpe weiter. Nach 9 Minuten 43 Sekunden piept das Gerät, der Beutel ist voll.

Mein Beutel voller Blut ist einer von insgesamt 345 Spenden, die bei der Aktion "Menschen helfen Menschen" des DRK und der Stadt Pfullingen abgenommen wurden. Sie sollen die Versorgung der Patienten mit genügend Blut während der Sommerflaute sichern. Ein voller Erfolg, kommt doch sonst nur die Hälfte bei den regulären Blutspendeterminen in Pfullingen zusammen. Besonders beeindruckend ist die Zahl der Erstspender: Immerhin 82 haben sich überwunden und durchliefen erstmals die obligatorischen fünf Stationen.

In der Anmeldung geht es los. Eine ältere Dame überreicht mir zwei Blätter und Flyer, die mich genau über die Blutspende und Ausschlussmöglichkeiten informieren. Als Erstspender muss ich einen Fragebogen ausfüllen. Ich setze mich an einen der Tische mit roten Trennwänden und fühle mich ein bisschen wie in einer Wahlkabine. Gewissenhaft kreuze ich die Ja-Nein-Fragen nach Erkrankungen und Auslandsaufenthalten an. Mit meinem Ausweis gebe ich den Fragebogen zur Überprüfung ab und werde zur ärztlichen Untersuchung geschickt.

Dort erwartet mich Dr. Ulrike Schwarz. Sie führt mich in eine Kabine, die Wände strahlen in knalligem Gelb. Sie misst Temperatur und Blutdruck, hört mein Herz ab und möchte wissen, ob ich heute zwischen anderthalb und zwei Liter getrunken habe. Schnell rechne ich nach und komme nur auf etwas über einen Liter. Ich solle unten neben der Anmeldung an der Getränkestation noch etwas trinken. Mit langsamen kleinen Schlucken, empfiehlt sie mir und erklärt, dass erfahrene Spender meist schon einen Tag vorher ihren Flüssigkeitshaushalt auf Vordermann bringen. Ich merke es mir. Wann ich zuletzt gegessen hätte, möchte die Ärztin schließlich auch noch wissen.

Wieder im Erdgeschoss genieße ich, wie empfohlen, in kleinen Schlucken ein Glas Apfelsaft, versuche keine Nervosität aufkommen zu lassen und werde in eines der Abnahmezimmer geschickt. Bevor es auf die Liege geht, sitze ich einem Mann gegenüber. Auch er fragt nach, wie viel ich getrunken und wann ich zuletzt etwas gegessen habe. Ich muss meine Hand ausstrecken. Jetzt kommt der erste Piks, der wider Erwarten kaum zu spüren ist. Mit einer Lanzette sticht er in meinen Mittelfinger, drückt bis Blut fließt und misst meinen Hämoglobinwert. 15,3 - das sei in Ordnung, sagt er. Nun muss ich Kreislauftropfen mit Orangensaft schlucken. Ein leicht bitterer Geschmack bleibt auf der Zunge. Er überreicht mir eine DVD für Erstspender und einen kleinen Metallbehalter mit Beutel und vier Röhrchen. Diese sind zur Untersuchung der Blutgruppe, Hepatitis B und C sowie Geschlechtskrankheiten und HIV, erklärt er mir. Damit werde ich zu einer Liege geschickt und der Blutabnahmeprozess nimmt seinen Lauf.

Routiniert präpariert die junge Frau meine linke Armbeuge. Während sie sich mit mir unterhält, setzt sie die Nadel an und lässt das Blut zunächst in die Röhrchen, dann in den Beutel fließen. Knapp zehn Minuten später ist die Prozedur beendet, ich begebe mich mit hoch gestrecktem Arm in den Ruheraum.

Kurz fühle ich mich wie betrunken. Doch so schnell wie das Gefühl kam, ist es wieder verschwunden. Ich reihe mich auf Liege Nummer 19 ein. Mir gegenüber sitzen die Profis, die ungerührt Zeitung lesen, während ich auf Übelkeit, Schwindel oder sonst eine Reaktion meines Körpers auf die Abnahme eines halben Liter Blutes warte. Nichts passiert, außer dass mein hochgereckter Arm mit der Zeit schwer wird.

Ein wenig beneide ich den Mann auf Liege Nummer 14. Er kann seinen Arm auf dem Tageslichtprojektor abstützen. Nach zehn Minuten darf ich mich setzen, froh, meinen Arm auf der Stuhllehne auflegen zu können. Fünf Minuten später werde ich zum Vesper entlassen.

Ich folge der Ausschilderung "Imbiss" und gelange in die Mensa des Gymnasiums. Der Geruch von Gulasch steigt mir in die Nase. Wurstsalat, Brot, Gewürzgurken, Tomaten und Mozzarella füllen meinen Teller, dazu eine Tasse Kaffee. Ich setze mich an einen der Tische, genieße das Essen. Ich bin froh mich überwunden zu haben und gewinne den Eindruck, dass nicht nur ich mich mit einem guten Gefühl auf den Heimweg mache.

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