Halb Clown, halb Tanzbär

Wo Heiner Kondschak ist, da spielt auch die Musik. Und so hat das Junge LTT Paul Maars Untier-Märchen "In einem tiefen dunklen Wald" als Kindermusical mit viel Dollerei aufgepeppt: für Zuschauer ab sechs.

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Heiner Kondschak präsentiert am LTT ein Kindermusical zum Untier-Märchen des Erfolgsautors Paul Maar: "In einem tiefen dunklen Wald".  Foto: 

In einer Zeit, als es noch kein elitepartner.de gab und die Königreiche klein wie Badezimmerteppiche waren, waren auch die Prinzessinnenhochzeiten eher pragmatische Unternehmungen, um Reichtum, Macht, Grund und Boden zu vermehren. Aber weil's im Märchen immer auch ein wenig romantisch zugehen muss, wünscht sich die dünkelhafte, eitle, eigensinnige und verwöhnte Prinzessin Henriette-Rosalinde-Audora nicht nur einen reichen, sondern auch eine stolzen, heldenhaften und schönen Recken.

Bei ihrer Männersuche erweist sie sich als erstaunlich pfiffig: Sie will sich einfach von einem Untier entführen lassen, um dann von einem tollen Prinzen be- und gefreit zu werden. Um kein Härchen gekrümmt zu bekommen, sollte das Untier Vegetarier sein und sich auch sonst nichts aus Prinzessinnen machen.

Aber wie immer kommt's dann anders als geplant. Kinderbuchkultautor Paul Maar hat sich im Jungen LTT sogar persönlich angeschaut, wie Heiner Kondschak die Geschichte - in der gängige Märchen- und Geschlechterklischees auf den Kopf gestellt werden - mit viel Musik und Gesang kurzweilig aufbereitet hat. Kondschak agiert selbst auf der Bühne und spielt im Duett mit Geiger Bernhard Mohl die Rahmenhandlung.

So übernimmt er vor einem überdimensionalen Bilderrahmen mit Gitarre, Mandoline, Flöte, Geige und Chor die Rolle des musikalischen Erzählers und Atmosphärengenerators - etwa, wenn mal wieder eine landliebliche Melodie gebraucht wird oder die Figuren von Sehnsucht, Übermut oder Panik gepackt werden.

Ilona Lenk (Austattung) hat für den Hintergrund wieder Schattenspiele organisiert, welche die hochadlige Szenerie bebildern. Die Drachen, Wälder, Schafe und Schlösser im Hintergrund erinnern ein klein wenig an die Märchenoper neulich am Tonnetheater. Aber auch da mussten ja wackre Helden und mutige Damen in tiefen dunklen Wäldern gefährliche Abenteuer meistern und über sich hinauswachsen, um an ihr Glück zu kommen, wie das im Märchen nun mal so ist.

Was die Kostüme anbelangt, orientiert man sich am Stil von Paul Maars Illustratorin Verena Ballhaus. Vor allem das Untier scheint direkt dem Buch entsprungen zu sein: Rupert Hausner steckt in einem wuscheligen schwarzen Fell, hat eine Riesen-Nase und noch größere Füße, aber keine Ohren, dafür einen Restkranz Haare - eine Kreuzung aus watschelndem Clown und kuscheligem Tanzbär.

Das goldige Dingens ist so zahm, dass es selbst unter der Kandare der immer zickigeren und herrschsüchtigeren Henriette (Magdalene Flade) nicht ausrastet. Das Untier hat seine eigene tragische Geschichte und wartet darauf, erlöst zu werden. Wenn's sein muss, auch von so einer "dummen Pute" wie Henriette. Im Übrigen riecht das Untier ein wenig streng, hat eine Schwäche für Pralinen und kann sich nicht so richtig verständlich machen: begrenzter Wortschatz, unverständlicher Dialekt.

Nur wer ein wahres, reines und offenes Herz hat, kann dieses liebe Vieh verstehen. Da braucht's natürlich den wachen Verstand und den guten Mut der Prinzessin Simplinella (Linda Lienhard). Nachdem ihre Brüder daran gescheitert sind, Henriette zu befreien, weil sie immer an die falschen falschen Untiere geraten sind, fasst sich Simplinella ein Herz, verkleidet sich als Junge, büxt aus, trifft unterwegs auf den feschen Küchengehilfen Lützel (Dimetrio-Giovanni Rupp) und stürzt sich mit ihm gemeinsam ins Abenteuerland.

Und so meistern auch die vier LTT-Mimen ganz hervorragend das Abenteuer ständiger Rollen- und Kostümwechsel, so dass auf der Bühne eigentlich immer was geboten ist: schöne Bilder, fahrbare Märchenbäume, schrille Charaktere, goldige Szenen, erfüllte und unerfüllte Märchenklischees, lustige Gags, gefühlvolle Musik, märchenhafter Gesang.

Auch als Versuchstiere geben die Schauspieler alles, so realistisch blöken vermutlich nicht einmal echte Schafe. Weniger realistisch, sondern gewollt überdreht und durchgeknallt geht es wiederum bei den verschiedenen Königs zu, die gerne mal laut kreischen und gackern und über die komischen Nachbarn hinterm Gebirge lästern, während sie selbst nicht die hellsten Sterne am Firmament sind.

Aber wie so oft stellt sich bald heraus, dass auch mit den Ausländern gut Kirschen essen ist, wenn man nur will. Und dass auch die seltsamsten Untiere meist nur verwunschene Prinzen sind, die man lediglich küssen muss, um sie in reiche, schöne, tolle Prinzen zu verwandeln. Ob man sie deshalb immer gleich heiraten muss, das wiederum steht auf einem anderen Blatt.

Termine und Karten

"In einem tiefen, dunklen Wald" für Kinder ab sechs. Weitere Vorstellungen gibt es zu folgenden Terminen: am 1. (16 Uhr), 2., 12., 13., 19. und 20. März - jeweils um 11 Uhr in der LTT-Werkstatt.

Karten sind bestellbar unter Telefon: (0 70 71) 9 31 31 49 oder kasse@landestheater-tuebingen.de

SWP

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