Großer Titel, geringe Mittel

Rom, Paris, Köln: Ernst Bodenmüller ist in den vergangenen Wochen viel gereist – seit er Schatzmeister der Weltbewegung Christlicher Arbeitnehmer ist. Deren Konten verwaltet er nun von Pfullingen aus.

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„Großer Titel, geringe Mittel“: Ernst Bodenmüller hat nicht gerade einen Top-Job in der Finanzwelt ergattert. Aber: Es ist ein wichtiger. Einer, bei dem der Blick sich auf die armen Leute richtet, einer allerdings auch, bei dem nicht die großen Summen hin- und hergeschoben werden. Bodenmüller tut ihn ehrenamtlich – und beschreibt ihn, nicht ohne ein Schmunzeln, mit obigem Zitat. Immerhin: Für seine neue Aufgabe ist er global unterwegs.

Organisationen aus 47 Nationen und von vier Kontinenten arbeiten in der Weltbewegung Christlicher Arbeitnehmer (WBCA) eng zusammen – die deutsche KAB ist eine von ihnen. In ihr ist der Pfullinger äußerst aktiv als Vorstandsmitglied der Diözese der KAB Rottenburg-Stuttgart. Und nicht nur das: Seit 2009 ist er regelmäßig und oft Monate lang in Uganda und Ruanda unterwegs, um dort fürs Catholic Workers Movement (CWM) Strukturen aufzubauen, Seminare zu geben.

Die Arbeit für die Katholische Arbeitnehmerbewegung und deren afrikanisches Pendant, die CWM, ist sicherlich einer der Gründe, warum der WBCA-Vorstand gerade auf Bodenmüller gekommen ist, als es galt, einen Nachfolger für den bisherigen Schatzmeister zu finden.

„Ich war gerade mal wieder in Uganda und saß da so auf meinem Hotelzimmer, als der Anruf kam“, erinnert sich Bodenmüller an die Anfrage, die ihn Mitte vergangenen Jahres ereilte. Das Job-Angebot, das die WBCA ihm gemacht hat, hat der Pfullinger allerdings nicht gleich angenommen. Ein halbes Jahr Bedenkzeit hat er schon gebraucht. Im Januar hat er sich entschieden, anzunehmen. Seiner Zusage folgten die Wahl zum weltweiten Schatzmeister am 26. Januar und als Konsequenz daraus ein Reisemarathon.

Mit der einzigen hauptamtlichen WBCA-Mitarbeiterin, der brasilianischen General-Sekretärin, und einigen anderen Vorstandsmitgliedern war Bodenmüller in den vergangenen Wochen in Paris, Köln und Rom unterwegs. In Paris und Köln, weil dort die insgesamt fünf Konten sind, die er nun zu verwalten hat. In Rom, weil er und seine WBCA-Kollegen den Vatikan „beackert“ haben, um dort ihre Arbeit vorzustellen. „Unser internationales Team hat die Kardinäle abgeklappert – und wir hatten tatsächlich Gespräche auf Augenhöhe“, berichtet Bodenmüller. Die WBCA-Leute haben den Geistlichen im Vatikan von der Lage der Arbeitnehmer auf der Welt berichtet. „Wir haben den Kardinälen davon erzählt, wie würde- und respektlos mit den Menschen teils umgegangen wird.“ Davon zum Beispiel, dass Hausmädchen in Afrika oft weit mehr als zwölf Stunden am Tag arbeiten, aber kaum etwas verdienen.

Gegen derlei Missstände will die WBCA angehen – indem sie unter anderem Seminare gibt über brüderliche, menschenwürdige Arbeit. Ähnlich wie beim Catholic Workers Movement versucht Bodenmüller auch hier, Strukturen aufzubauen. Teil seiner Arbeit ist es aber auch, die eingegangenen Spenden an die richtigen Projekte zu überweisen – wofür er eigens ein Exel-Programm erarbeitet hat, auf das auch seine Kollegen Zugriff haben. Größt mögliche Transparenz ist gefragt. „Und jede Ausgabe muss von der General-Sekretärin abgezeichnet werden“, erklärt Bodenmüller, der nun einmal jährlich auch dem Internationalen Rat Bericht erstatten muss.

Die gesamte Finanzverwaltung managt er vom heimischen Laptop und von seinem Sofa im Pfullinger Birnenweg aus. Auf dem allerdings wird es den 67-Jährigen, der Gewerkschafter und später Personalmanager bei der Firma Vita war, bevor er 2006 in Rente gegangen ist, nicht mehr lange halten. In zwei Wochen geht’s weiter nach Malawi, wo er einen Einsatz als Senior-Expert hat und die Führungskräfte einer Kooperative trainiert, danach folgen Reisen für die WBCA nach Brüssel, Paris und Genf, und im September geht’s nach Rio.

Ganz schön anstrengend das alles für einen Rentner? Eine Frage, die Ernst Bodenmüller nur ein mildes Lächeln entlocken kann. Seit er im Ruhestand und ehrenamtlich unterwegs ist, fühlt er sich jünger denn je. „Weil ich etwas Sinnvolles tue.“ Und: „Weil man sich schon überlegen muss, was man mit seinem Leben anstellt“.

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