Gleich zwei Tritte ins Gesicht

Einem 24-Jährigen wird am Landgericht der Prozess wegen versuchten Totschlags gemacht. Er soll im November in der Reutlinger Innenstadt einen 26-Jährigen mit Fußtritten schwer am Kopf verletzt haben.

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Es hätte ein entspannter Abend werden können. Ein paar Gläser Gin Tonic auf den Feierabend, dann mit zwei Kollegen noch eine Runde Cider im Irish Pub. Die Stimmung des 24-jährigen Briten am 19. November 2014 war gut. Nach vier Wochen Reutlingen sollte es in wenigen Tagen zurück zu seiner schwangeren Freundin nach Birmingham gehen. Aber der Flieger hob ohne ihn ab. Sein inzwischen auf die Welt gekommenes Kind hat er bis heute nicht gesehen. Statt im Flugzeug, nahm er am Mittwoch auf der Anklagebank Platz. Hier traf er wieder auf die damalige Kneipenrunde. Unter anderen Vorzeichen.

Denn so launig der damalige Abend begann, so jäh änderte er sein Gesicht. Am Ende lag ein 26-Jähriger mit mehreren Schädelfrakturen, zertrümmerter Nase und gebrochenem Kiefer am Boden. Diese Verletzungen beigebracht haben soll ihm, mit zwei wuchtigen Fußtritten, der Angeklagte. So begründete Staatsanwalt Jan Vytlacil den Vorwurf des versuchten Totschlags, gegen den 24-Jährigen. Wie der Abend derart kippen konnte, das versuchte der Angeklagte der Kammer unter Vorsitz von Richter Ulrich Polachowski zu schildern: Zunächst habe man sich im Pub "eine nette Zeit gemacht", man habe getrunken, geschwatzt und gelacht. Bis sich der 26-jährige dazugesellt und "eine schlechte Atmosphäre" verbreitet habe. Das Trio habe davon irgendwann genug gehabt und ging. Gefolgt sei ihnen der 26-Jährige. Mit Schimpfwörtern auf den Lippen und einer Flasche in der Hand. Die habe er auf die Straße geworfen, bevor er immer näher kam. Gesicht an Gesicht seien sie schließlich gestanden.

Der Angeklagte sagte: "Ich habe mit einem Kopfstoß gerechnet." Instinktiv habe er ihm einen Fausthieb verpasst, der ihn zu Boden streckte. Dann ein Rufen: "Ich hatte Angst, er kommt zurück", so der 24-Jährige, drehte sich um und trat zu. Allerdings in die linke Flanke, beteuerte er: "Ich habe ihm definitiv nicht ins Gesicht getreten."

Den Ruf, den der Angeklagte hörte, kam nicht vom regungslos am Boden Liegenden, sondern von einem Anwohner. Der verfolgte die Szene vom Fenster aus - und widersprach dem 24-Jährigen. Gleich zwei Tritte in das Gesicht des 26-Jährigen will er beobachtet haben: "Als ob man einen Freistoß schießen würde." Der Arbeitskollege des Angeklagten konnte sich nicht genau erinnern. Erst als ihm der Richter seine Aussage bei der Polizei vorhielt, er habe zwei Tritte gesehen, sagte er: "Dann wird's wohl stimmen." Damit hat er deutlich mehr Erinnerung als das Opfer. Das kann sich nur noch an die Runde im Pub erinnern und wie er sich dazu setzte. Was danach war? "Völliger Blackout." Sein Gedächtnis setzte erst wieder ein, als er im Krankenhaus zu sich kam. Ob es möglich sei, dass er den Angeklagten provoziert habe? "Ich bin nicht so einer, der Streit sucht." Nur zögerlich nahm der 26-Jährige, der bis heute physisch und psychisch an den Folgen der Tat leidet, die Entschuldigung des Angeklagten an. Für das was er getan habe, wolle er die volle Verantwortung übernehmen, erklärte er. Im Raum steht eine finanzielle Wiedergutmachung.

Es wäre wohl ein Kraftakt für den 24-jährigen Briten. Er bezieht lediglich eine bescheidene Veteranen-Rente. Im Sommer 2013 schied er, nach sieben Jahren, nach traumatischen Erlebnissen in Somalia und nach schweren Verletzungen, die er in Afghanistan erlitt, aus der britischen Armee aus. Er begann nach eigenen Angaben zu trinken, unternahm einen Selbstmordversuch. Für seinen neuen Job brach er eine Therapie ab. Er montierte, für ein Unternehmen mit Sitz in Reutlingen, weltweit Werbebanner in Sportstadien. Nach seinem Flug nach Birmingham sollte es nach Australien gehen. In Tübingen allerdings wird der Prozess am Montag fortgesetzt.

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