Glaube, Liebe, Gewalt

Die erste Spielzeit am LTT unter dem neuen Intendanten Thorsten Weckherlin lief sehr gut. Deshalb will das Landestheater Tübingen mit dem gleichen Team, aber neuen Themen, gerade so weitermachen.

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Das LTT-Team: Thorsten Weckherlin, Stefan Schnabel, Christoph Roos und Michael Miensopust (von links) stellen den Spielplan 2015/16 vor.  Foto: 

"Weiter so!", habe auch OB Boris Palmer zum LTT-Intendanten gesagt, als man sich neulich beim Heidelberger Theatertreffen über den Weg gelaufen sei. Und damit meinte der OB sicherlich nicht nur das starke Stück über seinen Vater Helmut Palmer. Denn Publikums-Renner waren auch Heiner Kondschaks "Forever 27" oder "Tschick" und "Ronny von Welt" beim Jungen LTT.

Die meisten Stücke liefen also gut. Die Auslastung lag im Durchschnitt bei 82 Prozent. Es gab einen Zuwachs von Abonnenten bei insgesamt knapp 400 Vorstellungen (bis Mitte Juni) und 150 Gastspielen außerhalb des LTT. Fazit: "Die Leute kommen gern zu uns." Rein zahlenmäßig steht also das LTT gut da, obwohl Thorsten Weckherlin ja mit einem starken "Stolperstein" - einem Defizit von knapp einer halben Million Euro - starten musste, diese Altlasten seien aber zum Glück "schnell vom Tisch gewesen".

Land und Stadt haben das Minus zu jeweils 50 Prozent ausgeglichen, dafür aber dem Landestheater einen "Sparhaushalt 2015" verordnet, der sich hauptsächlich in Personaleinsparungen auswirkt. Außerdem konnten durch die "gute Vernetzung" in der Theaterszene auch einige Regisseure dazu überredet werden, zu einem "Freundschaftspreis" fürs LTT zu arbeiten. Dafür dürfen sie jetzt auch wieder kommen, unter anderem werden Gernot Grünewald, Dominik Günther, Jan Jochymski. Alexander Marusch und Nick Hartnagel auch 2015/16 am Haus inszenieren.

Aber den Intendanten Thorsten Weckherlin interessieren nicht nur Zahlen und Auslastung. Manche Stücke waren ihm auch einfach Herzensangelegenheit, wie Brechts "Heilige Johanna". Der Erfolg der eben beendeten Spielzeit liegt aber nicht nur in den kreativen Produktionen und guten Regisseuren begründet, sondern vor allem auch im tollen Ensemble, findet Oberspielleiter Christoph Roos, mit insgesamt 22 Schauspieler(innen).

Zumindest beim Erwachsenentheater gibt's auch keine Wechsel. Erst einmal also ist personelle Kontinuität angesagt, inhaltlich hat das LTT aber wieder viel vor: Nachdem man sich in der abgeschlossenen Spielzeit ausgiebig den Querdenkern und Rebellen gewidmet hat, will das LTT nach wie vor "gute Geschichten gut erzählen: Sagen lassen sich die Menschen nichts, aber erzählen lassen sie sich alles", erklärt Chef-Dramaturg Stefan Schnabel.

Und so stehen kommende Spielzeit insgesamt 20 Premieren, darunter fünf Uraufführungen, und 23 Wiederaufnahmen auf dem Programm, mit verschiedenen Schwerpunkten. Zum einen Geschichten über Frauen, die aus ihrem bisherigen Leben ausbrechen wollen: "Nach Korfu" von Nikolas Hoppe (26. September), Henrik Ibsens "Nora" (4. Dezember) und "Bilder deiner großen Liebe" (13. Februar) nach Wolfgang Herrndorf - alles "Aufbruchsgeschichten, die gelingen könnten", so Stefan Schnabel.

Mit dem zweiten Schwerpunkt stellt sich die Frage, warum Aufbruch und Rebellion so oft in Gewalt und Selbstzerstörung münden: sowohl Hermann Hesses "Demian" (19. Februar), Friedrich Schillers "Die Räuber" (29. April) oder "Angerichtet" nach Hermann Koch (2. Juli) enden im Desaster.

Die Frage, wie sich Gut und Böse definieren lassen, wenn man nicht mehr an Gott glaubt, wird in Dostojewskis "Schuld und Sühne" (20. Februar) verhandelt und bildet den dritten Schwerpunkt: "Was glauben wir heute eigentlich noch?"

Dazu startet außerdem ein zweijähriges Projekt namens "Believe Tank", gefördert mit 150 000 Euro von der Kulturstiftung des Bundes: Gemeinsam mit der freien Gruppe "Nyx e.V." erforscht das LTT das Thema Glaube und Religion. Mit neuen Formaten, wie einem "Andachtsraum" auf Marktplätzen, Gesprächsreihen oder Gottesdienstperformances arbeitet man damit auch auf das Jubiläum "Reformationsstadt Tübingen 2017" hin. Und am Ende stellt sich vielleicht sogar heraus, dass eine neue Religion gegründet werden muss.

Vierter thematischer Schwerpunkt bildet die "Festung Europa" mit den Stücken "Abgesoffen" (9. Oktober) von Carlos Eugenio López und Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" (23. April). Bei der Spielzeiteröffnung im September wiederum geht's eher paradiesisch zu, mit "Wie im Himmel" (25. September) von Kay Pollak, das Christoph Roos inszeniert. Zudem steht noch ein Krimi an: "Arsen und Spitzenhäubchen" (20. November). Mitte 2016 gestaltet das LTT das Sommertheater - und zwar mit Shakespeares "Wie es euch gefällt" (8. Juli) auf der Neckarinsel.

"Supertrumpf" und "Ganz großes Kino" - Das Junge LTT in der kommenden Saison

Junges LTT "In dieser Spielzeit geht's um alles": Auch das Junge LTT freut sich unter Michael Miensopust über die neuen Leute, die seit einem Jahr im LTT herumspringen: "eine großartige Bereicherung". Es will wieder "universale Themen" aufs Tablett bringen und Kunst statt Pädagogik machen. Kunst mit viel Humor, denn Humor bedeute nicht gleich "oberflächlich", sondern "Humor und Ernsthaftigkeit liegen eng beieinander", findet Miensopust. Neben diversen Wiederaufnahmen startet der Premieren-Reigen im Jungen LTT am 10. Oktober mit "Raus aus dem Haus" von Ingeborg von Zadow. "Supertrumpf" (21. November) von Esther Becker behandelt das Thema Magersucht. "Karma? Schicksal? Pech gehabt?" (16. Januar) ist ein "Theater-Comedy-Solo", auch hier geht's um Glaubens- und Sinnfragen. Shakespeares "Sommernachtstraum - nur für Verliebte" startet am 11. März. Der Theaterjugendclub und das Frauentheater Purpur tun sich nächste Saison zusammen und machen sich auf die Spur von "Täterinnen" (2. April), ein Grimm-Märchen gibt's mit "Die kluge Bauerntochter" (30. April). Und um die Vermischung von Wirklichkeit, Theater und Film geht's in "Ganz großes Kino" (12. Mai) von Miensopust. Anders als beim "großen LTT" gibt's beim Jung-LTT zwei Wechsel im Ensemble: Dimetrio-Giovanni Rupp geht, für ihn kommt Andreas Laufer, und für Linda Lienhard kommt Stefanie Klimkait wieder zurück.

KK

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