Glasgow, Paris, Unterhausen

Von Glasgow über Unterhausen nach Paris: David Berkman ist kein Weg zu weit, um den gut 150 Besuchern im vollen Daylight-Loft-Studio eine zweieinhalbstündige Demonstration in Sachen Jazz zu liefern.

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Unsentimental und doch berührend: David Berkman Trio. Foto: Jürgen Spieß

Die Gemeinde am Fuß der Schwäbischen Alb entwickelt sich still und leise zum Geheimtipp in Sachen Jazz. Die Veranstalter Ulli Koebe und Tobias Festl konnten sich bei ihrem zweiten Konzert nicht nur über ein volles Haus und beste Stimmung freuen: Sogar die renommierten Bauer-Tonstudios aus Ludwigsburg hatten sich überraschend angekündigt, um das Konzert live mitzuschneiden.

Dabei wirkt die Musik des 53-jährigen Pianisten aus New York auf den ersten Blick eher unspektakulär, etwas unterkühlt, aber reflektiert und bodenständig. Von Beginn an geht Berkman mit Vollgas in die erste Runde, als hätte er bereits ein halbstündiges Warm-Up hinter sich. Ein ausgeprägter Formwille weist den Weg: "Unsentimentale Musik, die das Herz rührt", wie unlängst die "New York Times" treffend schrieb.

Gemeinsam mit dem in Seoul (Südkorea) lebenden Bassisten Martin Zenker und dem Mitte der 80er Jahre nach München übergesiedelten US-Drummer Rick Hollander nähert sich David Berkman seinem Material ganz ohne ironische Distanz. Es geht ihm um Anverwandlung von Jazzgeschichte, die er dabei sehr offen definiert: von bekannten Standards wie etwa John Coltranes "Giant Steps" über ausgesuchte Eigenkompositionen wie "For Kenny" oder "Simple Pleasure" bis hin zu der wunderschönen, von Berkman bis zur Unkenntlichkeit verfremdeten Ballade "Smoke gets in your eyes".

Polyrhythmische Strukturen und dynamische Feingliederungen, Hochgeschwindigkeits-Exkurse und sorgsam integrierte Momente der Reduktion verschaffen den Kompositionen eine musikalische Dramaturgie, die trotz weitschweifiger Solopassagen die Spannung der Stücke stets auf die Spitze treibt.

Das liegt an Berkmans musikalischer Präsenz, aber auch an der Aufmerksamkeit und Vitalität von Martin Zenker und Rick Hollander, die von Zeit zu Zeit furios drauflos improvisieren.

Die Virtuosität, mit der der Drummer vom Anschlag mit Schlegeln bis zur rhythmischen Brechung immer wieder neue Formen der Tonbeeinflussung findet, hat viel Schauwert, bewegt sich aber immer im Sinne der Sache. Beeindruckend auch die musikalische Strenge und Hartnäckigkeit, mit der David Berkman am Klavier die Töne zu langen Bögen formt.

Obwohl es den New Yorker Pianisten selten an die Rände zieht, wirkt sein Spiel niemals monochrom, sondern elegant und pointiert. Er ist der Kopf der Band, der Mann, der die Stücke schreibt und wie es sich für ein ordentliches Jazztrio gehört, lenkt er vom Klavier aus.

Eine der Tugenden dieser Musik - ihr vielleicht wichtigstes Stilmittel - ist ihre enorme Geschwindigkeit. Sie ist nicht unbedingt strukturell revolutionär, aber frappierend komplex und gut gespielt. Die Themen bestehen aus parallel gesetzten Tonfolgen, die schnelle dramatische Zuspitzungen und dynamisch prägnante Verläufe suchen.

So gelingt es dem Trio immer wieder, die Grenzen zwischen Harmonik und Melodik aufzulösen. Dagegen überlassen sie die Ungesichertheit des Neulandes anderen und beschränken sich auf die Pflege wohlerkundeter Modernität.

Vor allem im zweiten Set verlässt das agile Trio wiederholt die vorgezeichneten Bahnen. Dann "rollt" David Berkmans Piano wie weiland das von Dollar Brand, und er liefert sich ein Scharmützel mit Bass und Schlagwerk. Müdigkeit ist den dreien - trotz des anstrengenden Trips von Glasgow nach Unterhausen - nicht anzumerken.

Kein Wunder bei diesem Publikum, das bis weit nach Mitternacht ausharrt und das Trio zu weiteren Höchstleistungen anfeuert.

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