Gewandt und graziös

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Es ist erstaunlich, in welchem Maß die individuellen Stile der Gastdirigenten zum Tragen kommen. Geradezu gegensätzlich wirkten die Sichtweisen von Salvador Mas kürzlich und von Fabien Gabel nun beim dritten Sinfoniekonzert: abgeklärt und expansiv die eine, dynamisch komprimiert die andere. Fabien Gabel ist ein bemerkenswerter Dirigent der jüngeren Generation: In Paris geboren, studierte er dort und später in Karlsruhe (bei Reinhold Friedrich) zunächst Trompete. Aufs Dirgieren konzentrierte er sich ab 2002, erregte damit bald Aufsehen und wurde international gefragt; seit kurzem leitet er das Orchestre Symphonique de Québec.

Die Württembergische Philharmonie Reutlingen kam seinen Intentionen offenbar entgegen. Die „klassisch“ verkleinerte WPR-Besetzung und Fabien Gabel brachten die Sinfonie Nr. 99 Es-Dur von Joseph Haydn, die am Anfang stand, spielerisch auf den Punkt.

War’s Haydns sprühender Komponierwitz, der französische Esprit des Dirigenten oder der wache Geist des Orchesters? Vielleicht alles zusammen? Die vier Sätze wirkten jedenfalls einheitlich stilvoll und frisch, tiefgründig der erste, sprechend und spannungsreich der zweite, leichtfüßig der dritte und feinsinnig akzentuiert der Finalsatz, veredelt durch den seidigen Klang der Instrumente.

Edler Klang adelte auch das Flötenkonzert von Jacques Ibert. Die aus Israel stammende, international renommierte Flötistin Sharon Bezaly beherrschte ihre kostbare goldene Böhmflöte und die Partitur mit einer Leichtigkeit, die die Komplexität des Stücks kaum ahnen ließ. Gewandt und graziös schwebte ihr ebenmäßig schimmernder Ton auf unendlichem Atem durch die drei diffizil konstruierten Sätze und über die komponierten Konflikte mit dem Ensemble hinweg, als wär’s ein Stück von Haydn. Ihr einziges Problem scheint noch das Umblättern inmitten leichthin quirlender Figurationen und atmosphärischer Idylle zu sein. „Ein bisschen Bach“ spielte sie als Zugabe: nicht nur Bach, sondern auch die makellose Schönheit des Tons zelebrierend.

Dann Felix Mendelssohn Bartholdys vierte Sinfonie, die „Italienische“. Würde Gabel sie französisch-elegant interpretieren? Mit knapper Handbewegung induzierte er Spannung und formte bündig Motive und Verläufe. Sprühend vor Energie und Spiellust ließ das Orchester die komponierte Italianita parlieren und perlen, stets geschmeidig und nuanciert im Klang, versteht sich. Wo die Musik in den zwei mittleren Sätzen sonst gern romantisch träumt und biedermeierlich-betulich verweilt, eilte sie hier schlank und behende voran, wobei dennoch alle Facetten farbig ausgeleuchtet wurden.

Im Finalsatz der „Italienischen“ demonstrierte Fabien Gabel, wie weit man hinsichtlich Tempo und Präzision mit diesem Orchester gehen kann. In Hochgeschwindigkeit härteten er und die Musiker die Drehfiguren der düsteren Tarantella mit glasklarer Akkuratesse.

Die strikte Disziplin und fast beängstigende Perfektion gemahnte an militärischen Drill oder – wenn man so will – an einen exquisiten italienischen Sportflitzer, der beim geringsten Antippen abgeht wie eine Rakete, und dessen High-Tech-Motor Energie in atemberaubende Ästhetik verwandelt. Wie gesagt: Welch ein Unterschied zum vorigen Sinfoniekonzert! Reichlich Applaus honorierte am Ende eine fulminante Leistung.

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