Gestreifte Bläser, flötende Hühner

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Fröhlich und bunt: das ausverkaufte Faschingskonzert in der Kaleidoskop-Reihe der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, vorne dran der Schweizer Circus-Dirigent Reto Parolari, auch als Solist. Einmal im Jahr zeigt sich das schwarz befrackte Kulturorchester als kunterbunter Haufen, beim Faschingskonzert sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Der Konzertmeister trägt Toga und Lorbeerkranz, ein Bratscher kommt als aufgeblasenene Puppe (wie kann man da spielen?), vorn am Cello sitzt ein Schwimmer in Frottee mit Badekappe, die Blechbläser tragen Sträflings-Streifen, und einen der Kontrabässe streicht Darth Vader. Den Vogel abgeschossen haben die Flöten als Märchen-Hühner mit eigener (angedeuteter) Choreographie. Das teil-kostümierte Publikum ist begeistert, ebenso der Gastdirigent.

Am Pult steht Reto Parolari, Spezialist für Circus- und Unterhaltungsmusik und nicht darum verlegen, knapp, aber spontan und trefflich (wie sein Dirigat) zu moderieren. Einem heiteren Marsch-Auftakt folgt die „Faschingsfee“ von Kálmán, danach ist schon Umbau vonnöten – am meisten haben diesmal die zwei Orchesterwarte zu tun. Das Hin- und Herschaffen der diversen Solo-Gerätschaften an der Rampe wird zum kuriosen Ballett, und das Parkett freut sich über unverhüllt bewegtes Bein – „Charme, Eleganz, Sex!“ kommentiert der Dirigent. Von fantastisch kostümierten Gestalten erwartet man geradezu wilde Musik: Improvisiertes, Punk, Guggengetöne. Aber nein, die Philharmonie bleibt den Noten treu, sie pflegt wie stets ein hoch kultiviertes, fein differenziertes Spiel, tendenziell entspannter als sonst, seidenweich und locker schwingend. Kein Wunder bei diesem Programm: Reto Parolari hat eine Folge leichter, unterhaltsamer Stücke mitgebracht, teils bekannt, teils neu; einen größeren Anteil machten Titel von Leroy Anderson aus; im ersten Teil das „Sandpapier-Ballett“, gekonnt zelebriert von einem (ungenannten) jungen Perkussionisten sowie der „Penny-Whistle-Song“ der herrlich flötenden Hühnertruppe.

Danach traten sieben Solobratscher nach vorn. Im „Bratschenfieber“ nahmen sie sich und die Hits der Klassik auf die Schippe (bzw. Viola). Die einzige Nummer mit komponiertem (!) Maskenspiel waren Mathias Spohrs „Hänschen-Klein-Variationen“, da blinzelt aus Melodien von Händel, Mozart, Beethoven & Co. immer wieder das Kinderlied hervor.

Glanzpunkte und Würze des Programms waren zum einen die bravourösen Soli der Orchestermitglieder – nach Flöten und Violen brillierten die Trompeter mit „Bugler’s Holiday“ –, zum andern die mehr oder weniger merkwürdigen Gerätschaften, die als Soloinstrumente dienten: nach Parolaris eigenem Hupen-Walzer im ersten Teil („Sie müssen jetzt ganz stark sein!“) und seinem Marimba-Walzer im zweiten ein vielfach läutender „fröhlicher Wecker“, punktgenau betätigt vom Pauker sowie in dem berühmten „Typewriter“ von Anderson eine historisch klappernde und klingelnde Schreibmaschine mit Reto Parolari als virtuoser Tippmamsell.

Dass der mit Spannung erwartete „Alpenländische Orgelpunk“ entfallen musste, war schade; er wurde ersetzt durch eine „Fledermaus in 2 Minuten“. Zum Programmende, in Raymonds „Maske in Blau“-Intermezzo, kamen doch noch freie, heiße Rhythmen auf („Sassa“); so hätte das gerne weitergehen dürfen – aber als Zugabe war die von Parolari geklöppelte Zirkus-Renz-Polka vorgesehen. Das Publikum erklatschte zwei weitere Dreingaben; erst mit „Sassa“ zum zweiten war definitiv Schluss.

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