Geschichte geht ins Netz

Urkunden sind das Gedächtnis einer Stadt, auch weil sie einen Blick auf die Vergangenheit freigeben. Seit April ist das Bestandsrepertorium "Reichsstädtische Urkunden und Akten" online gestellt.

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  • Stadtarchiv-Leiter Dr. Roland Deigendesch (links) und Gerald Kronberger, der das Digitalisierungsprojekt leitet, bestaunen das älteste Repertorium der Reutlinger Stadtgeschichte aus dem Jahr 1667. 1/3
    Stadtarchiv-Leiter Dr. Roland Deigendesch (links) und Gerald Kronberger, der das Digitalisierungsprojekt leitet, bestaunen das älteste Repertorium der Reutlinger Stadtgeschichte aus dem Jahr 1667. Foto: 
  • Kauf und Stiftbrief von 1298: Hierbei handelt es sich um die älteste Pergamenturkunde im Bestand "Reichsstädtische Urkunden und Akten". Fotos: Stadtarchiv 2/3
    Kauf und Stiftbrief von 1298: Hierbei handelt es sich um die älteste Pergamenturkunde im Bestand "Reichsstädtische Urkunden und Akten". Fotos: Stadtarchiv Foto: 
  • Titelblatt des ältesten Repertoriums: Die repräsentative Wappenseite zeigt, welche Bedeutung dem in der alten Kanzlei untergebrachten Archiv beigemessen wurde. 3/3
    Titelblatt des ältesten Repertoriums: Die repräsentative Wappenseite zeigt, welche Bedeutung dem in der alten Kanzlei untergebrachten Archiv beigemessen wurde. Foto: 
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"Die Reutlinger Reichsstadtherrlichkeit geht online" - auf diesen kurzen Nenner lässt sich das Projekt bringen, das Stadtarchivleiter Dr. Ronald Deigendesch und Gerald Kronberger gestern Vormittag vorstellten. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 26 Repertorien aus dem Bestand "Reichsstädtische Urkunden und Akten" mit 8700 Datensätzen von Ende des 13. bis Anfang des 19. Jahrhunderts digitalisiert und danach in das im Stadtarchiv eingesetzte Programm "Augias" importiert. Seit 1. April stehen diese Findbücher mit der Verzeichnis der vorhandenen Archivalien im Internet. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat die Digitalisierung mit 21 000 Euro unterstützt.

Auf Initiative des damaligen Staatsministers Bernd Neumann, Beauftragter der Bundesregierung für Kultur und Medien, hat das Fraunhofer Institut in den Jahren 2005 bis 2007 eine "Bestandsaufnahme zur Digitalisierung von Kulturgut und Handlungsfelder" erarbeitet. Ziel war und ist, das reiche kulturelle Erbe digital zu erfassen und über das Internet zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort zugänglich zu machen, wie Neumann in seinem Vorwort zur Studie schreibt. Das erleichtert nicht nur die Suche für die Benutzer, auch für die Wahrnehmung der Institutionen ist, wie Deigendesch sagt, die "digitale Online-Präsenz wichtig".

Der Bestand "Reichsstädtische Urkunden und Akten" umfasst mit einem Umfang von rund 36 Regalmetern einen herausragenden Teil der archivalischen Überlieferung Reutlingens. Dies gilt insbesondere für die rund 700 spätmittelalterlichen Urkunden. Die älteste Archivalie ist ein Kauf- und Stiftbrief aus dem Jahr 1298, der den Besitz der Sondersiechenpflege, die sich um Aussätzige kümmerte, an einer Wiese bei Rappershofen belegt. Zu den ältesten amtlichen Schriftstücken im Stadtarchiv zählen neben "Urfehden" (beeidigte Fehdeverzichte begnadigter Straftäter) aus dem 16. Jahrhundert auch "Geburtsbriefe" aus dem Zeitraum zwischen 1437 und 1686. Männer und Frauen, die das Reutlinger Bürgerrecht erlangen wollten, musste diese vorlegen.

Neben den insgesamt über 2000 Pergamenturkunden gibt es auch eine reichhaltige Überlieferung papierner "Akten" - etwa zu den Reutlinger Hexenprozessen zwischen 1565 und 1667 oder zur Regelung zünftischer Angelegenheiten.

Mit dem nachhaltigen Einsatz von Papier ab dem 16. Jahrhundert in Reutlingen kam es zu einer exponentiellen "Steigerung von Schriftlichkeit im Bereich der reichsstädtischen Verwaltung", wie es in einer Pressemitteilung heißt.

Dass die Findbücher zum Bestand "Reichsstädtische Urkunden und Akten" überhaupt in maschinenschriftlicher Form vorliegen, ist vor allem Dr. Herman Kalchreuter (1887 bis 1961) zu verdanken. Der frühere Oberstudiendirektor am Friedrich-List-Gymnasium hat die rund 8000 Archivalien des Bestands zwischen 1952 und 1961 akribisch verzeichnet.

Die historischen Schriftstücke waren spätestens seit dem 17. Jahrhundert größtenteils in der "Alten Kanzlei" beim Marktplatz untergebracht und schließlich ab den 1770er Jahren im Südturm der Marienkirche aufbewahrt worden. Während des Zweiten Weltkriegs wurden sie nach Holzelfingen ausgelagert, ab 1947 kehrten sie dann nach Reutlingen, in das neueingerichtete Verwaltungsgebäude in der Bismarckstraße 15, zurück. Nachdem im Jahr 1963 ein Stadtarchiv eingerichtet worden war, gelangte der Bestand nach dem Bau des Neuen Rathauses 1966 dorthin.

Das Stadtarchiv zeigt in einer Vitrinenausstellung Originaldokumente aus dem Bestand der reichsstädtischen Urkunden und Akten. Neben dem Kauf- und Stiftbrief sind dort auch das Titelblatt des ältesten Reutlinger Repertoriums von 1667 sowie ein Urteilsbrief aus dem Jahr 1566 zu sehen.

Eine zweite Vitrine widmet sich frühen Zeugnissen reichsstädtischer (Gebäude)-Geschichte. Auf einer Pergamenturkunde von 1333 findet sich der erste Nachweis für das Reutlinger Spital, zudem wird dort eine Reproduktion der ersten authentischen Ansicht der Stadt von 1617 gezeigt. Eine dritte Vitrine befasst sich mit Pergament als "ältestem amtlichen Beschreibstoff", wie es im Titel heißt. Eine Urkunde dokumentiert eine Altarstiftung für die Marienkirche, ein anderes Dokument beinhaltet eine "Citation" (Vorladung) vor Hofgericht zu Rottweil. Mit dem Papier kam es zum ersten "neuzeitlichen Medienbruch", den Dokumente in der vierten Vitrine illustrieren. Das erste Dokument ist eine Quittung über eine erfolgte Zinszahlung von 1490, das letzte ein Magistratserlass zu den Wahlen von 1802 - kurz vor dem Ende der Reichsstadtzeit.

Recherche im Netz

Unter der Adresse "www.stadtarchiv-reutlingen.findbuch.net" kann seit April online auf das Bestandsrepertorium zurückgegriffen werden. Damit lassen sich für eigene Recherchevorhaben relevante reichsstädtische Urkunden und Akten bequem auch vom eigenen PC aus ermitteln.

SWP

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