Gemeinschaftsschulen verändern das Lernen in Tübingen

Hauptschüler und Gymnasiasten in einer Klasse - an einer Schule in Tübingen ist das längst Alltag. Die neuen Gemeinschaftsschulen im Land können sich dort nun einiges abschauen. Doch nicht nur deshalb ist Tübingen die Hauptstadt der Gemeinschaftsschulen.

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Wenn jetzt die Gemeinschaftsschule offiziell startet, ist das für Schüler und Lehrer an der Geschwister-Scholl-Schule in Tübingen längst nichts Neues mehr. Seit drei Jahren lernen dort Kinder auf ganz unterschiedlichen Leistungsstufen in gemeinsamen Klassen. Mit einem Schulversuch ist die Tübinger Schule zum Vorreiter für die insgesamt 42 Gemeinschaftsschulen geworden, die nun landesweit an den Start gehen. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend: Die Kinder werden durch gemischte Klassen besser und selbstständiger, erzählen die Lehrer.

Ohnehin ist Tübingen sozusagen die Hauptstadt der Gemeinschaftsschulen. Gleich an drei Standorten wird die neue
Schulform eingeführt - so viele Gemeinschaftsschulen gibt es in keiner anderen Stadt im Südwesten. Das hat weitreichende Folgen für die Schullandschaft. Denn eine Hauptschule oder Werkrealschule sucht man in der fast 90.000 Einwohner großen Stadt mit ihren 15.000 Schülern künftig vergebens. Auch an den Realschulen gibt es nur noch
drei neue Eingangsklassen.

Lediglich die Gymnasien spürten kaum eine Veränderung bei den Anmeldezahlen, sagt die zuständige Fachbereichsleiterin im Tübinger Rathaus, Uta Schwarz-Österreicher. Dass sei eine Baustelle für die nächsten Jahre. „Es wird darum gehen, auch die Kinder mit Empfehlung fürs Gymnasium zu erreichen.“ Ein Grundstein dafür sei gelegt: An allen Tübinger Gemeinschaftsschulen werde es auch Lehrer mit einer Ausbildung für Gymnasien geben - das sie vielen Eltern sehr wichtig.

Die Erfahrungen der Geschwister-Scholl-Schule machen dafür Mut. Im Schulprojekt hatte in jeder Klasse ein Drittel der Kinder eine Gymnasialempfehlung. Am Anfang hätten Eltern von leistungsstarken Schülern noch Bedenken gehabt, dass ihre Kinder von den Schwächeren runtergezogen würden, erzählte Deutschlehrerin Patricia Weiß kürzlich. Aber das Gegenteil sei passiert. „Die starken Schüler haben wirklich Freude daran, den Schwächeren etwas zu erklären. Und wenn man etwas selbst erklärt, verfestigt es sich nochmal viel besser.“

Doch damit die unterschiedlich leistungsstarken Schüler alle richtig gefordert werden, müssen die Lehrer auch immer Arbeitsblätter auf verschiedenen Niveaus vorbereiten. Man könne in gemischten Klassen nicht wie früher allen das selbe erzählen, sagte Rektor Joachim Friedrichsdorf. Aber das habe auch große Vorteile. „Wir haben einen Jungen, der kam zu uns mit Werkrealschul-Empfehlung. In Englisch schafft er auch nur Ein-Sterne-Aufgaben. In Deutsch macht er
schon die Zwei-Sterne-Aufgaben. Und in Mathematik ist er Klassenbester und lernt auf Gymnasialniveau“, erzählt Friedrichsdorf.

Für die Stadt bedeuten die drei neuen Gemeinschaftsschulen aus genau diesem Grund aber auch einen gewaltigen finanziellen Kraftakt. Denn für die neuen Lernkonzepte, den Ganztagsunterricht und die Inklusion behinderter Kinder wird viel Platz und qualifiziertes Personal benötigt. Fast sechs Millionen Euro sind im Tübinger Haushalt eingeplant, um Arbeitsräume für Kleingruppen, eine Mensa oder Räume für die Nachmittagsbetreuung an den Gemeinschaftsschulen
zu bauen oder zu sanieren. „Wir waren uns in Tübingen aber sehr schnell einig, dass die Gemeinschaftsschulen einen guten Start haben sollen“, sagt Baubürgermeister Cord Soehlke.

Das gelte auch für die pädagogische Betreuung. Für jede fünfte Klasse an den Tübinger Gemeinschaftsschulen hat die Stadt eine 50-Prozent-Stelle für eine pädagogische Fachkraft geschaffen, die vor allem in der Nachmittagsbetreuung eingesetzt werden soll. „Das ist im Landesplan nicht vorgesehen, aber wir glauben, dass es für die Schulen notwendig ist, die Betreuung zu haben“, betont Soehlke. 150.000 Euro stellt die Stadt dafür jährlich bereit.

Auch Fachbereichsleiterin Schwarz-Österreicher freut sich auf die neue Schulform. „Es geht darum, neue Formen des Lernens zu finden, die weniger soziale Ausgrenzung produzieren und unterschiedliche Lerntypen mitnehmen.“ Das Tübingen dabei zur Hauptstadt der Gemeinschaftsschulen wird, freut die Rathausspitze. „Das Land hat von unseren beachtlichen Erfahrungen profitiert, und die Tübinger Schullandschaft hat durch die Bereicherung ihrer Schulformen
gewonnen“, sagt der Erste Bürgermeister Michael Lucke.
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