Gelesen wird weiterhin ohne Brille

Jeden Sonntag geht es mit Verwandten noch auf Tour - zumeist über die Alb. Ansonsten blickt Elisabeth Schwaibold gerne auf den Georgenberg und auf die Wanne. Gestern feierte sie 100. Geburtstag.

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Bürgermeister Michael Schrenk erläutert Elisabeth Schwaibold die Urkunde.  Foto: 

Ihr "Bellevue" heißt "Schönbergblick". Das ist die dritte Etage im Senioren- und Pflegeheim der Samariterstiftung im Süden der Stadt. Vor drei Jahren erst ist die gebürtige Pfullingerin Elisabeth Schwaibold dort eingezogen. Sie und die Mitbewohner blicken von dort auf den Georgenberg, die Achalm und auf die Wanne samt Schönberg. Da werden auch Erinnerungen wach. Elisabeth Schwaibold, die am Dienstag ihren 100. Geburtstag feierte, weiß noch genau, wie das Haus Friedrichstraße 7, in dem sie mit Mutter Elise, Vater Wilhelm und den sechs Geschwistern groß geworden war, aus verkehrsplanerischen Gründen abgerissen werden musste. Als Ersatz gab es das Haus, das an der Ecke der Gries- mit der Schlossgartenstraße steht.

Nein, geheiratet habe sie nie, auch nicht daran gedacht, versichert Elisabeth Schwaibold. Viel und hart hat sie arbeiten müssen - in der Fadenfabrik "Knappete" ebenso wie "beim Böhmler". Bei diesen Textilfabriken gehörte sie zu den besten Spulerinnen, einen Job, den junge Leute heute überhaupt nicht mehr kennen. Eine Scharlacherkrankung nahm ihr im Alter von drei Jahren - da endete gerade der Erste Weltkrieg - auf der linken Seite das Gehör. Derart gehandicapt, lernte die kleine Elisabeth sogar das Lippenlesen, um nicht ausgegrenzt zu werden. "Erst Anfang der 50er Jahre bekam ich das erste, gute Hörgerät", erinnert sie sich. Trotz all der schwierigen Zeiten: Elisabeth Schwaibold, die sich zu Hause auch stets um die Geschwister und den Haushalt kümmerte, blieb sie immer frohen Mutes. "Ich habe Handball gespielt", sagt sie - und blickt aus ihrem Stuhl auf zu Erich Schwaibold. Der ist ihr Neffe. Und den kennen in Handballerkreisen ja nun alle - nicht nur in Pfullingen. Er kümmerte sich mit seiner Frau stets um die Jubilarin. Ein fester Halt war für Elisabeth Schwaibold der christliche Glaube. In der Friedenskirche der Evangelisch-methodistischen Kirche war sie im Kreis für Ältere aktiv, aber auch in der Landeskirche. Viel hat sie sich um alte Menschen gekümmert.

Und so ließ es sich Pfarrerin Ulrike Kuhlmann nicht nehmen, Elisabeth Schwaibold Blumen und ein Buchgeschenk zu überreichen. Und freilich wurde zum Geburtstag auch gemeinsam gebetet. Eine Menge war los in der Aussichtsküche im Samariterstift. Süßigkeiten, jede Menge Obst gab's vom Team des Hauses mit Christine Klein und Margrit Vollmer-Herrmann - und dazu zwei Lieder: "Viel Glück und viel Segen" wurde ebenso angestimmt wie "Danke für diesen guten Morgen".

Da durfte der Bürgermeister natürlich nicht fehlen: Michael Schrenk hatte nicht nur den größten Blumenstrauß mit dabei, sondern auch ein paar "Pfulben", die ortseigene Währung, sowie eine Zeitung vom 7. April 1915. Auch wenn die Buchstaben klein sind - für Elisabeth Schwaibold kein Problem. Hat sich bei ihr im Laufe von 100 Jahren sehr wohl das eine oder andere Zipperlein eingestellt, lesen kann die Jubilarin fast noch so gut wie früher - und das ohne Brille.

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