Geht mal wieder unter Leute!

|
Über „Kommunikation 4.0 – Asoziale Medien“ referierte Ex-BZN-Schüler und Comedian Dominik Kuhn, hier mit Schulleiterin Dr. Brigitte Kern-Veits, vor den Klassenstufen 9 und 10 im Zuge der Medienbildung in der Wittumhalle des HAP Grieshaber Gymnasiums.  Foto: 

Eine gut gefüllte Wittumhalle, Schüler, Eltern, Schulleitung und zwei Polizisten – alle warten gespannt, was ein ehemaliger BZN-Schüler zu sagen hat. Dominik „Dodokay“ Kuhn ist da, um über die Entwicklung der Medien und ihren Einfluss auf die Menschen zu sprechen. Warum sind Medien asozial? Was machen die Medien mit uns? Und warum können wir nicht einfach einen gesunden Umgang mit Smartphone, Internet und Co. haben?

Kuhn berichtet von seiner Zeit am BZN („Mein Mathe-Lehrer sitzt auch unter euch“), in der er im September 1987 seine Firma „Starpatrol Entertainment“ gegründet hat und auch davon, dass er eigentlich nie geplant hatte Comedian zu werden – geschweige denn wollte er damit gezielt bekannt werden. Das sei ein Zufall gewesen und dabei habe ihm Youtube natürlich geholfen. „Und trotzdem motze ich heute darüber“, sagt „Dodokay“.

Dennoch geht er zunächst auf die positiven Aspekte ein, die das Internet bietet: „Das Internet isch subber“, sagt er, denn jeder kann sich das Internet zunutze machen. „Das erste Mal in der Geschichte der Menschheit muss niemand mehr die Schnauze halten.“ Aber genau das sieht Kuhn auch kritisch. Denn jetzt hat auch jeder ein Medium sich mitzuteilen. Auch diejenigen, die vielleicht keine Ahnung haben wovon sie reden. Stichwort „Fake News“.

Ironisch erklärt Kuhn eine neue App fürs Handy, mit der man seinen Handykonsum kontrollieren und einschränken kann und stellt die Frage, wie krank das eigentlich sei. Man installiert sich Kontrollmechanismen auf das Handy, um dieses zu nutzen.

Kuhn betont immer wieder, dass die Probleme, die er anspricht, nicht immer schon da waren. Nein, sie sind in den letzten fünf bis zehn Jahren entstanden. Das Hauptproblem bestehe darin, dass der Mensch sich keine Pausen mehr nimmt für Erlebnisse. Keiner geht mehr offline, alles wird auf Facebook oder Instagram gepostet; per WhatsApp lässt man die Welt daran teilhaben was man minütlich macht.

Genau das mache „irre“, denn erwiesenermaßen brauche der Mensch nach fünf Tagen „schaffen“ eine Pause, muss mal „den Stecker ziehen“. Provokant fragt Kuhn: „Sind wir denn eigentlich blöd?“ Um die Frage dann selbst mit „nein“ zu beantworten. Kuhn geht zurück auf die Stammesvölker, auf Evolutionsbiologie und die Prozesse im menschlichen Gehirn und erklärt, warum wir auch noch heute alles dafür tun, damit wir sozial gut vernetzt sind. Er zeigt den Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Dopamin auf, der Einfluss auf unser Hirn hat. Bekommen wir mehr „Likes“ auf Facebook oder Instagram sei dies vergleichbar mit dem Konsum von Drogen oder Alkohol. Wir werden süchtig danach. Rund 2,5 Millionen Deutsche gelten heute als „problematische Internet-Nutzer“, wovon 580 000 pathologisch abhängig sind. Ein neues Krankheitsbild.

Kuhn untermauert seine Aussagen mit Zahlen aus Studien, aber auch eigenen Erfahrungswerten. So ist er überzeugt davon, dass heute 15 Mal so viel kommuniziert werde wie vor 20 Jahren, aber nur 20 Prozent davon sind überhaupt relevant. „Jeder kann seinen Käse loswerden.“ Er erklärt, warum seiner Ansicht nach Kommunikation heutzutage so schwierig geworden ist. Social contracts, die eigentlich von allein entstehen, bevor man sich verbal austauscht, funktionieren mit dem Handy so nicht mehr.

Beispiel WhatsApp: Die „fucking Häkchen“ machen einen verrückt. Der Anbieter nutze die Masche der Häkchen, die zeigen, ob eine Nachricht gelesen wurde, um Geld damit zu verdienen. „Die sind der Tod“, bilanziert Kuhn. Man fühlt sich genötigt, sofort zu antworten und kann diesen Druck nicht einfach abstellen. Firmen haben den Kunden neue social contracts „aufs Auge gedrückt“, um Geld zu verdienen. Aber der Kunde kann diese nicht abstellen, wie Kuhn selber erfahren musste beim Versuch, seine SMS-Funktion abstellen zu lassen.

Und was macht das mit uns? „Jeder ist genervt, aber alle machen mit.“ Denn die Menschen seien „dopaminvergiftet“ mit dem Ergebnis, dass alle immer sofort lesen, was man ihnen geschickt hat. Aber warum ist das asozial? Das Hauptmotiv sieht Kuhn in der Ich-Bezogenheit der Menschen: „Hauptsache, ich hab’s weg. Isch mir doch scheißegal, was der Andere damit macht.“ Aber die Verantwortung liegt bei dem Schreiber. Warum nervt man Andere und fragt nicht vorher, ob derjenige das lesen oder hören will?

Warum macht man heute Selfies? Weil die meisten einfach sehr narzisstisch veranlagt seien. Warum sagt man kurz vor einer Verabredung noch schnell per Whatsapp ab? Weil man es kann und der Abstand es möglich macht. Kuhn ist sich sicher, dass das kaum jemand am Telefon machen würde, denn das koste Überwindung. Aber mit einer Nachricht sei alles möglich.

Bevor Kuhn seinen Vortrag mit Regeln für die sinnvolle und verantwortungsbewusste Nutzung der Medien schließt, rechnet er noch mit denen ab, die diese Art der Kommunikation erst möglich machen und mit der „Legende der Effektivität“ werben – den Telefonanbietern. „Dieser Bullshit bremst“, sagt Kuhn. Und untermauert dies mit Zahlen. So waren 1997 noch 80 Prozent Wirkungsgrad unter Angestellten in westlichen Industrieländern nachweisbar, heute sind es nur noch 50 Prozent. Manager verplempern im Schnitt 4,2 Jahre ihres Leben mit dem Beantworten überflüssiger Mails, der Normalverbraucher nutze sein Handy täglich drei Stunden und 16 Minuten. Im Schnitt! Und das sind im Jahr unvorstellbare 45 Tage.

Deshalb Kuhns klares Fazit: „Seid mutig. Macht was Neues. Steigt zum Beispiel aus WhatsApp-Gruppen aus und geht mal wieder unter Leute. Und ganz wichtig: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Schnauze halten!“

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

„Fürs Wetter können wir nichts“

Eine kleine Umfrage unter den Beschickern des Reutlinger Weihnachtsmarktes zeigt: Die Mehrzahl der befragten Händler ist mit dem Geschäft zufrieden. weiter lesen