Furioses Gipsy-Finale

Knapp 4000 Besucher und zwei Drittel der Konzerte ausverkauft: Das vom Mitte-Jazzclub organisierte LandesJazzFestival ging am Sonntag mit der Roma-Kapelle Fanfare Ciocarlia im vollen franz.K zu Ende.

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"Meine Erwartungen wurden weit übertroffen, und ich bin überglücklich, dass alles geklappt und die viele Arbeit sich ausgezahlt hat", freut sich "Mitte"-Vorstand Clemens Wittel über die mehr als positive Bilanz des sechswöchigen Festivals.

In der Tat: Es fehlte weder an großen Namen (Klezmatics, Pete York, Herbert Joos) noch an positiven Überraschungen (Sector7, John Law). Das ältere Publikum wurde ebenso bedient (Louis Armstrong Revival Band, Axel & Torsten Zwingenberger) wie das jüngere (Portico Quartet, Sonic Visions), selbst Kabarett- (Uli Keuler) und Rockfans (Lesung Fritz Rau) kamen auf ihre Kosten. Laut Clemens Wittel kamen annähernd 4000 Besucher zu den 18 Konzerten im franz.K und in den Jazzclub Mitte, das sind mehr als 200 Zuschauer pro Konzert.

Der Programm-Chef verweist auch auf die Unterstützung der zahlreichen ehrenamtlichen Helfer, "ohne die das Festival nicht zu stemmen gewesen wäre" und vor allem auf die gute Zusammenarbeit mit dem franz.K: "Dass wir die größeren Konzerte hier veranstalten konnten, hat sich voll und ganz bewährt." Das zeigte sich auch bei dem zum wiederholten Mal ausverkauften Abschlusskonzert mit der Gruppe Fanfare Ciocarlia (deutsch: Lerchenbläser) vor 700 Fans. Obwohl die Bestuhlung wegen der großen Nachfrage abgeräumt wurde, war im Saal wie auf der Galerie kaum noch ein Durchkommen.

Das zwölfköpfige Ensemble, das bis vor 16 Jahren noch unerkannt in dem kleinen rumänischen Dorf Zece Prajini am Karpatenrand vor sich hin blies, kokettiert gern damit, die schnellste unter den flinken Roma-Kapellen zu sein. Weit stärker als das aberwitzige Tempo beeindrucken aber die erstaunliche Präzision und der vielfältige Stilmix. Früher wurde ihnen häufig vorgeworfen, ihre Fans zwar schnell auf Betriebstemperatur zu bringen, aber auch ebenso schnell zu ermüden. Doch im Laufe der Zeit haben sie sich immer wieder neu erfunden und damit auch die Musik ihrer Heimat. Souverän werden heute Elemente aus Gipsy-Swing und Jazz unter die in den Musikerfamilien weitergegebenen Sirbas, Horas und Doinas gemischt.

Auch bei ihrem Konzert im franz.K klingt das Spiel der furiosen Bläser immer, als seien sie auf der Flucht und könnten gerade noch dieses eine Stück zu Ende bringen. Oft brechen die Stücke mit ihren orientalischen Melodien unvermittelt ab oder ein Schlusston bleibt zappelnd in der Luft hängen. Natürlich kann bei diesem Balkan-Feuerwerk niemand unbeteiligt stehen bleiben, und wenn doch, setzen die zwölf Roma, die zwischen 27 und 65 Jahre alt sind, schnell zu neuen Höhenflügen an. Dabei sind Noten den Musikern völlig fremd. Die Kunst des Musizierens wurde und wird in dieser Gegend seit ewigen Zeiten von den Alten an die Jungen Sohn weitergegeben. Ob Geburten, Taufen, Hochzeiten oder andere Feste, überall sind die "Fanfaren" - so bezeichnen die in Rumänien lebenden Roma ihre Blaskapellen - fester Bestandteil. Wie auf eine Hochzeit versetzt fühlen sich auch die Besucher im franz.K.

Die zwölf Herren mit ihren verbeulten Instrumenten, den knallroten Hemden und den abgewetzten Anzügen singen abwechselnd und spielen, als müssten sie einen Ruf verteidigen: die furioseste und schnellste Brassband der Welt zu sein. Der Trompeter leistet es sich sogar, beim Spielen einen Kamm aus der Hemdtasche zu holen, um sich den Scheitel zu richten. Und schließlich, nach zwei Zugaben, als die Männer nochmal zehn Minuten mitten im jubelnden Publikum spielen - dargereichte Geldscheine auf die Stirn gepappt - da fühlt man sich endgültig in jenes kleine Dorf hinter den Bergen versetzt.

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