Freudentränen lügen nicht

Dieter Thomas Kuhn entzieht sich jeder seriösen Konzertkritik: Mit seiner Kapelle bot das Tübinger Aushängeschild in Sachen Schlager den 1900 begeisterten Fans beim Stadthallen-Debüt eine trashige Show.

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Performance als Massen-begeisterndes Ereignis: "Die singende Föhnwelle" Dieter Thomas Kuhn (rechts, mit Gitarrist Howie alias Philipp Feldtkeller) gastierte erstmals in der Reutlinger Stadthalle. Foto: Jürgen Spiess

Es gibt Konzerte, die fangen einfach an. Nicht so Konzerte von Dieter Thomas Kuhn. Die fangen schon an, bevor sie anfangen. Vor Eintreffen der "singenden Föhnwelle" skandieren seine fantasievoll ausstaffierten Fans Schlachtgesänge, schwenken Sonnenblumen, zünden Wunderkerzen an und schnattern angeregt über alte Zeiten. Die Stimmung hat etwas von Schulabschlussball, und die da vorne auf der Bühne geben die durchgeknallte Playbackkapelle von endlich auf die Welt losgelassenen Primanern.

Was wahrscheinlich schon das ganze Erfolgsrezept des Phänomens Dieter Thomas Kuhn erklärt: Jeder kann mitfeiern - der Rest und Ernst des Lebens beginnt erst morgen. Damit lässt sich ein Auftritt des stets bestens aufgelegten Brusthaar-Toupetträgers allemal bestreiten, zumal sich auch seine siebenköpfige Begleitband sichtlich wohl fühlt: "Ich wusste gar nicht, dass Reutlingen heute Nacht meine Schicksalsstadt werden könnte", begrüßt er das Sonnenblumen schwenkende Publikum beim ersten Auftritt an der Echaz und lädt die Fans ein, den Fluss "gleich nach dem Konzert noch zum gemeinsamen Nacktbaden" zu nutzen.

Nebensächlichkeiten wie Stimme und musikalische Qualität mal beiseite gelassen, wird Kuhns Performance dann wirklich zum Ereignis: Es macht Spaß, die völlig aus dem Häuschen geratene, mitsingende und tanzende Menge zu beobachten. Köstlich die Anspielungen auf alte DTK-Zeiten, die bei vielen Fans aufwühlende Erweckungserlebnisse hervorrufen. Oder die gespielt dilettantischen Einlagen seiner Kapelle, wenn sie Hand in Hand wie die sieben Zwerge über die Bühne hüpfen und zu den letzten Zugaben in Trainingsanzügen auf die Bühne kommen. Auch das "knallrote Gummiboot", das er mit einem weiblichen Fan über die Zuschauerköpfe schickt, darf natürlich nicht fehlen. So ansteckend ist das alles, dass man versucht ist, sich selbst hineinzustürzen, den Kopf auszuschalten und einfach treiben zu lassen.

"Ich war noch niemals in New York", "Über den Wolken", "Tanze Samba mit mir", "Willst du mit mir gehn", "Aber bitte mit Sahne": Die Heuler kommen wie vom Fließband daher, und die Menge lässt sich nur allzu bereitwillig bespaßen. Zu "Anita" und "Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben" fliegen die ersten Sonnenblumen und Büstenhalter durch die Luft. Der ungekrönte Meister der Selbstinszenierung nimmt das mit einem gütigen Lächeln hin. Kuhn braucht nur in eine bestimmte Richtung zu gestikulieren, schon schallt ihm Begeisterung pur entgegen. Er kann gewissermaßen machen, was er will, die Leute liegen ihm zu Füßen. Mal spielt er den unbedarften Schlagerfreund, der "von Udo Jürgens den RocknRoll gelernt hat", mal den lässigen Verführer mit Dackelblick und dann wieder den knuddeligen Anekdoten-Erzähler, der zum tausendsten Mal die Geschichte anbringt, wie er als 16-Jähriger von einer Frau träumte, die doppelt so alt war wie er: "Das könnte mir heute mit fast 50 nicht mehr passieren."

Unmöglich, sich dieser Massenhysterie zu entziehen, wenn die ersten Töne von "Es war Sommer", "Wunder gibt es immer wieder" oder "Griechischer Wein" erklingen. Die gut eingespielte Band betont im Gegensatz zu den Originalversionen den Rhythmus, was die abgehangenen Schlager zum Teil zu richtigen Rocksongs macht. Da kann man sich dann nur noch einträchtig der Allgemeinstimmung anschließen: Glücklich, wer dabei war.

Alles in allem also ein echtes Reutlinger Konzert-Highlight. Der im weißen Anzug auftretende DTK hatte zu Beginn des Konzerts wieder nicht zu viel versprochen, als er seinen Fans "einen Abend voller Lust, Liebe und Leidenschaft" versprach. Nach sieben Zugaben endet das zweistündige Konzert im buntem Konfettiregen und einem hundertfachen Chorgesang: "Tränen lügen nicht".

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