Fiesta mit dem Superstar

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Weltklasse in Reutlingen bei „Jazz meets Tango“: Till Brönner (links) und Enrique Ugarte mit der Württembergischen Philharmonie Reutlingen.  Foto: 

Jazztrompeter, so dachten viele bisher, tragen immer ein weißes Tuch zum Schweißabwischen mit sich. Oder sie haben unglaubliche, geradezu monströs aufblasbare Backen. Im schlimmsten Falle sind sie womöglich anfällig für Drogen. Ganz anders als diese ehrwürdige Ahnenreihe – Sie wissen schon: Louis Armstrong, Dizzy Gillespie und Chet Baker – ist Till Brönner.

Elegant, sportlich, chic. Früher mal Rising Star. Heute, mit gerade mal 45, längst Weltstar, fünffacher Echo-Preisträger, grammy-nominiert, Professor und meist irgendwo in der Luft zwischen Tokyo, New York und Montreux unterwegs. Einer, der sogar bei Obama im Weißen Haus auftreten durfte – doch davon später. Kurz: ein cooler Typ. Einer, der das Jazztrompeter-Image komplett neu erfunden hat.

Groove – vollsatt

Lässig, schlaksig, schmal, eher zurückhaltend, so betritt er die Bühne in der Stadthalle. Einen winzigen Zettel kramt er aus dem Sakko, schraubt den Notenständer hoch, schiebt den Stuhl beiseite, richtet sich seinen Stehplatz vor dem Orchester ein und raunt dann irgendwann leise ein ironisches „das ist ja eine Herausforderung hier“ in den Raum. Erste Heiterkeit im Saale.

Aber eins nach dem andern: Das Projekt „Jazz meets Tango“, dessen Geburtstunde irgendwann im Jahr 2015 lag, brachte zwei Ausnahmemusiker zusammen – den deutschen Jazztrompeter Till Brönner und den baskischen Akkordeonisten, Komponisten und Dirigenten Enrique Ugarte.

Mit wechselnden Orchestern nahm das Projekt schnell Schwung auf, vor allem das „Berlin Concert“ in der Komischen Oper machte Furore. Jetzt also, am Donnerstag, war das Duo Brönner/Ugarte in der Reihe der Kaleidoskop-Konzerte zu Gast – die Stadthalle war denn auch seit langem ausverkauft. In dieser Kombination wandert das Projekt dann noch nach Ludwigshafen.

Los geht’s erstmal ohne den Superstar. Mit Enrique Ugarte. Der 59-Jährige, ein Allrounder, der auch Soundtracks zu Filmen wie „Das Wunder von Bern“ komponiert hat, tritt im weißen Dinner-Jackett ans Dirigierpult. Und zeigt gleich mal bei Cole Porters Standard „Night and Day“, wie vollsatt das Reutlinger Orchester grooven kann – mit tollen Holz- und Blechchören, in fettem Big-Band-Swing. Fast wie in der Hollywood Bowl. Oder wie Count Basie anno 66 at the Sands.

Dann Auftritt Brönner. Die beiden machen jetzt ernst mit dem Thema „Jazz meets Tango“ – indem sie den Piazzolla-Evergreen „Libertango“ gleichsam anjazzen. Erstes Brönner-Solo: bestechend klar, gestochen scharf, leuchtend in der Höhe. Irrlichternd, wie er da in komplex alterierten Skalen wahnwitzig gezackte Bebop-Linien in den Raum zeichnet. Wie er dann plötzlich very, very blue wird. Und am Ende das Solo mit einem „gebrüllten“ Flatterzungen-Ton effektvoll abrundet. Uff!

Klar, im Orchester verborgen agiert eine tolle Jazzcombo – ein Pianist und ein Bassist aus Brönners Band, ein Saxer und ein Drummer aus dem Orchester-Umfeld. Funktioniert bestens, wie der samtene Besen-Swing bei Glenn Millers Klassiker „A String of Pearls“ beweist.

Und so nimmt der Abend langsam Fahrt auf: im ständigen Wechsel der Besetzungen zwischen Solisten, Band, Streich- und vollem Orchester. Hinzu kommt, dass Enrique Ugarte und Till Brönner das Konzert mit launigen Moderationen auflockern.

Zum Beispiel bei „Ume-Eder-Jazz“. Da kündigt Brönner eine Melodie aus dem Baskenland an, die „wie eine Komposition von Hansi Hinterseer“ klinge. Und siehe da, eine gleichsam alpenländische Walzer-Lieblichkeit lässt sich da durchaus heraushören. Egal, Brönner und Ugarte machen daraus spielfreudigen Jazz – und das mit einer atemberaubenden Trompeten-Kadenz. Und so geht’s weiter: mit einer verträumten, traurigsüßen Version des Piazzolla-Evergreens  „Oblivion“, mit einem brillanten Kammerjazz-Duo über den populären argentinischen Tango „El Choclo“ und einem orchestralen Swing-Feuerwerk beim 20er-Jahre-Hit „Runnin’ Wild“. Ugarte kann in puncto Intensität dem Superstar Till Brönner durchaus paroli bieten – absolut stark interpretiert er den Tango „La Cumparsita“: sehr leise, unglaublich spannungsgeladen. Mucksmäuschenstill das Publikum. Jeder Ton ein Ereignis.

Da brandet Beifall auf, als Brönner von „dieser wunderschönen Halle, die so toll klingt“, schwärmt. Und richtig geadelt fühlen sich die Philharmoniker, als Brönner bescheinigt: „Dieses Orchester ist eins der wenigen in diesen Breitengraden, das in der Lage ist, wirklich zu swingen.“

Ja, Brönner kann auch Lyrik lesen, wenn er den Text des Johnny-Mercer-Songs „Once Upon a Summertime“ („keine Angst, ich werde nicht singen!“) ins Mikrofon haucht. Wie dann die Trompete sich über die süffigen Harmonien der Streicher erhebt und zu schweben beginnt – das ist schon absolute Klasse. Allerfeinste Balladen-Kunst. Ein magischer Moment. Fast wie Chet Baker.

Womit wir bei einem heiklen Punkt sind: Till Brönner, dessen Stil vielen Jazz-Puristen lange zu glatt, zu elegant, zu kantenlos erschien, hat sich enorm entwickelt. Sein Stil ist inhaltlicher, sprechender, lebenserfahrener geworden – in seinen Soli hat er wirklich was zu erzählen, setzt eigenwillige Kontrapunkte, malt ambivalente Stimmungen, schafft vibrierende Atmosphäre.

Der Rest im Schnelldurchgang. Nach dem seufzerschwer interpretierten „Adiós Nonino“ von Piazzolla (mit einem schmerzvollen Violin-Solo von Fabian Wettstein) gibt’s zwei Chick-Corea-Standards – „Spain“ und „La Fiesta“, das Publikum darf passagenweise klatschend den Takt vorgeben. Sehr cool bis äußerst feurig das alles. Tolle Stimmung. Und Standing Ovations.

Am Ende – Bach

Als erste Zugabe folgt nochmal „La Fiesta“. Und Brönner kommt richtig ins Plaudern. Erzählt, wie er im August 2016 im Weißen Haus auftreten durfte – „damals bei einem völlig unbedeutenden Präsidenten namens Barack Obama“. Wie er all die „Ölschinken“ mit den first ladies drauf bestaunt hat. Wie er sich – als „Quotendeutscher“ zwischen Giganten wie Herbie Hancock und Dee Dee Bridgewater – dann ganz wacker geschlagen hat. Die letzte Zugabe widmet er „dem wohl größten Improvisationskünstler des Jazz“: Bachs „Air“, balladesk angeschrägt, duftig, wie ein Traum vorüberschwebend.

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