Feiertage sollten nicht zu Stresstagen werden

Gelangweilte Teenies, genervte Eltern: Gerade während der Feiertage wird vielen Menschen ihre Einsamkeit richtig bewusst. Nicht wenige fragen sich dann, wo gehöre ich hin, was will ich eigentlich.

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Nach der Feier folgt das ungeliebte große Aufräumen - auch ein möglicher Streitpunkt. Foto: Jürgen Spieß

Feiertage sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Ob Weihnachten, Ostern oder der Jahreswechsel: Oft sind sie alles andere als Feste der Liebe, des Friedens und der Besinnung. Die Vorbereitung der Feiertage schafft Stress. Der Erwartungsdruck steigt. Die Möglichkeiten, sich aus dem Weg zu gehen, sind begrenzt.

Auch Alkohol spielt oft eine Rolle. Da genügen Kleinigkeiten, dass Konflikte und damit auch häusliche Gewalt ausbrechen. "Mein Hauptproblem an Feiertagen sind Auseinandersetzungen innerhalb der Familie", schildert die Reutlingerin Karin P. ihre Einstellung zu Familienfeiern, "da fragt man sich schon manchmal, was das Ganze eigentlich soll". Dabei wünscht sich jeder ein harmonisches Fest. Doch statt des erhofften liebevollen Umgangs treten häufig bereits länger schwelende Konflikte in den Vordergrund. "Die Folge ist bei uns jedes Jahr Streit in der Familie", berichtet Karin. Und sie steht mit ihrem Problem nicht alleine da.

Während die meisten mit ihren Familien feiern, stellt sich gerade für Alleinstehende plötzlich die Frage nach dem Sinn des Lebens. Die Freude auf die freien Tage ist zwar groß, die Erwartungshaltung aber ebenfalls. Egal ob die Feierlichkeiten ruhig und besinnlich oder ausgelassen und fröhlich geplant sind: Jung und Alt wollen natürlich gerne an die Feste zurückdenken. Doch da prallen häufig Familientraditionen, unterschiedliche Vorstellungen und eigene Kindheitserinnerungen aufeinander, und so regelmäßig die Festtage kommen, so regelmäßig wird auch die Vorfreude enttäuscht.

Die Frage, warum Familien gemeinsam feiern wollen, lässt sich leicht beantworten: Das Erleben gemeinsamer Feste stärkt den Zusammenhalt und schafft Platz für gemeinsame Erinnerungen. "Gerade für Kinder sind solche wiederkehrenden Rituale von größter Bedeutung", ist Erziehungswissenschaftlerin Petra Zotz überzeugt. Sie gäben ihnen das Gefühl, in eine größere Gemeinschaft eingebettet zu sein und dazuzugehören.

Oft sind die Erwachsenen auch so sehr miteinander beschäftigt, dass die Kinder weniger beobachtet sind als im Normalfall, was ihnen neue Freiräume verschafft. So dürfen die Kleinen später zu Bett gehen als im Alltag und so viele Süßigkeiten essen, wie sie wollen.

Was für die Jüngeren noch das reine Vergnügen ist, reizt ältere Kinder dagegen immer weniger. Viele Jugendliche lehnen Familienfeiern kategorisch ab. Zu spießig, zu langweilig, "einfach öde" seien Feiern im Familienkreis - so lautet ein häufig vorgebrachter Einwand. "In der Pubertät ist der Freundeskreis sehr wichtig. Die Jugendlichen definieren sich zunehmend über ihre Kontakte zu Gleichaltrigen", verteidigt Schulrat Roland Jeck die Teenie-Generation. Eltern sollten dafür Verständnis zeigen.

Fröhliche Kleinkinder, genervte Teenager, gestresste Eltern und traditionsbewusste Großeltern - kann eine solch brisante Mischung überhaupt miteinander auskommen? "Wichtig ist, sich erst einmal zu vergegenwärtigen, wie viele verschiedene Interessen an den Feiertagen aufeinanderprallen", meint die Reutlinger Gymnasiallehrerin Roswitha Gipp. "Der Opa kann vielleicht nicht auf die ZDF-Gala verzichten, und die Kinder wollen ihre neuesten CDs vorspielen. Damit es ein gelungenes Fest wird, sollten die Interessen aller berücksichtigt und kombiniert werden."

Es empfiehlt sich, Kindern und Jugendlichen Verantwortung für die Gestaltung der Feierlichkeiten zu übertragen. So könnten beispielsweise Teenager Teile des Menüs selbst zubereiten und jüngere Kinder beim Schmücken helfen. "Wer einen Teil der Arbeiten übernommen und ausgeführt hat, der meckert hinterher auch nicht so schnell herum", fügt Schulrat Roland Jeck an.

Einfach ist es dennoch nicht, die Erwartungen und Vorlieben der verschiedenen Generationen unter einen Hut zu bringen. Besonders problematisch sind Familienfeiern dann, wenn Menschen aufeinander treffen, die im Alltag nur wenig Zeit miteinander verbringen.

Allen Feiertags-Gestressten rät die Reutlinger Sozialpädagogin Martina Binder für die anstehenden Heiligen Drei Könige: "Machen Sie sich frei von überzogenen Ansprüchen - und erzwingen Sie nicht die perfekte Familienfeier oder gar das totale Familienglück."

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