Es zirpt und rauscht und glitzert

Erst schräge Zirkusmusik, dann aber viel Schwärmerei und Wildromantik. So entwickelte sich das Sinfoniekonzert - mit einem unglaublichen Harfenisten und einer Philharmonie in absoluter Sonderspiellaune.

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Soloharfenist, Saitenzauberer, Troubadour und mehr: Xavier de Maistre beim Reutlinger Sinfoniekonzert. Foto: Marinko Belanov

Ja, es war mal wieder ein besonderes Konzert, schon allein des prominenten Solisten wegen: Xavier de Maistre, der allseits gefeierte Top-Harfenist (siehe auch unser Interview) trat am Montag in der Stadthalle auf - lässig, cool mit offenem Hemdkragen, aber auf den Punkt präsent: ein toller, ausdrucksstarker, ja, fulminanter Interpret.

Sein Auftritt hier zeigt: Der Ruf des neuen Reutlinger Konzerthauses scheint sich auch in der ersten Solistenliga herumzusprechen, und die Philharmonie kann sich über volle Reihen freuen. Die Akustik kommt immer besser, nun in flacherer Sitzordnung und mit nach hinten gerückter Kontrabass-Fraktion.

Unbedingt erwähnenswert: Gastdirigent Clemens Schuldt, auch ein studierter Geiger wie Ola Rudner. Er kann Orchester und Publikum richtig packen. Studium und Examen absolvierte er übrigens bei zwei ehemals Tübinger Dirigenten: Rüdiger Bohn (Sinfonietta) und Nicolas Pasquet (Jugendsinfonieorchester).

Ironie in der Musik ist immer so eine Sache - viele kapieren sie, andere nicht. Strawinsky aber kann sie so dosieren, dass sie ankommt, und die Philharmonie vermittelt bei seinen beiden Suiten (1921/25) denn auch viel Humor und ein bisschen bösen Jux - mit extra stumpfsinnig leiernden, stolpernden Mta-mta-Begleitungen, mit herrlich schiefen Klängen und mit einer fetzig durchgeknallten Offenbach-Parodie.

Und dann Xavier de Maistre. Der 40-jährige Franzose hat 2010 seinen Traumjob bei den Wiener Philharmonikern an den Nagel gehängt - nach eigenem Bekunden hatte er die ewige "Warterei" auf die eh rar gesäten Einsätze satt. Seither ist er als Soloharfenist unterwegs. Und mit Reinhold Glières Harfenkonzert spielte er in Reutlingen sicher auch eins der üppigsten Stücke dieser seltenen Gattung. Wobei das Entstehungsjahr 1938 in die Irre führt: Von Moderne keine Spur, statt dessen reinste Spätromantik. De Maistre entfaltet die ganze Pracht des Konzerts in vollgriffigen, geradezu schwelgerischen Melodien, die teils luxuriöses Rachmaninow-Flair verströmen. Teils zu laut, aber meist auf Samtpfoten assistiert das Orchester unter Schuldt, der superweiche, zuckerwattige Hintergründe zeichnet. Und de Maistre lässt die Harfe singen, zirpen und rauschen, leuchten, glitzern und funkeln - nicht nur in der virtuosen Kadenz, die wie ein Kaskade goldener Sonnenreflexe wirkt. Der Mann kann mit seinem oft überirdisch schwerelosen Harfenspiel verzaubern - und am Ende des kunstvoll verspielten Variationensatzes hievt er das Glière-Konzert vollends in die Welt des (Klang-)Traums. Aber de Maistre kann auch anders. Im Finale schlägt er fast übermütige Töne an - mit rasanten Glissandi, die wie lebensfrohe Jauchzer klingen.

Klar, dass das von so viel Saiten-Charme begeisterte Publikum da Zugaben fordert: Schon bei der ersten (Felix Godefroids Variationen über "Carnaval de Venice") gelingt es dem Solisten, das Publikum mit zartester Klangdelikatesse auf ein neues, verfeinertes Aufmerksamkeitslevel zu heben - eine Schule des Hörens leisester Poesie. Und mit Francisco Tárregas sehnsuchtsvoll durchflirrtem Schmacht-Klassiker "Recuerdos de lAlhambra" (sonst Glanzstück fortgeschrittener Akustikgitarristen) versetzt de Maistre das Auditorium vollends in Trancezustand. Sicher ein neuer Pianissimo-Rekord in der Stadthalle!

Ist das noch zu toppen? Nein, aber César Francks Sinfonie d-Moll (1889) verkörpert dafür eine andere Art des Musizierens. Die Philharmonie unter dem animierenden Dirigat des Musikrat-Stipendiaten Clemens Schuldt durchlebt dieses teils heftig wagnernde Werk regelrecht, inszeniert es als intensives, hoch verdichtetes, wildromantisches, mitreißendes Stück Ausdruckssinfonik. Kurzum, ein spannendes Wiederhören - das Opus ertönte in Reutlingen zuletzt 2003 unter Norichika Iimori, damals noch in der Listhalle mit wummernder Klimaanlage!

Vollfette Tutti, Trommeldonner, ein melancholisches Englischhorn und furiose Dramatik: Selten hat die Philharmonie so hellwach, kraftvoll und doch feinnervig musiziert. Düster, bizarr, ekstatisch. Verklärend, leuchtend, mystisch raunend. Und immer wieder in hymnischem, gleißendem Pathos, das bei Schuldt nie hohl und großkotzig, sondern glühend erkämpft daherkommt. Es braust und tost - so auch der Beifall.

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