Es geht schlichtweg ums Überleben

Kommende Woche geht das ehemalige IB-Wohnheim in der Rommelsbacher Straße 145 in den Besitz des Landkreises über. Bis die maximal 80 Flüchtlinge einziehen, ist noch viel Kommunikation zu leisten.

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Die Info-Versammlung für die Anwohner der Rommelsbacher Straße im IB-Wohnheim war aus Platzmangel spontan in die Auferstehungskirche verlegt worden - mit spannungsgeladener Atmosphäre.  Foto: 

"Was sind das für Leute, die da kommen?" "Kann ich meine Tochter nachts noch auf die Straße lassen?" Die erste Informationsrunde des Landratsamtes zur Einrichtung einer Sammelunterkunft für maximal 80 Flüchtlinge im ehemaligen IB-Wohnheim in der Rommelsbacher Straße hatte, ganz anders als in Würtingen wenige Tage zuvor, teilweise tumultartigen Charakter. "Diese Siedlung ist groß geworden mit Flüchtlingen, mit ihrer ganzen Vielfältigkeit und allen Nationen. Der Zusammenhalt hat uns stark gemacht", argumentierten Unterstützer. "Nichts gegen Flüchtlinge - aber nicht hier", konterten besorgte Nachbarn.

Die Mischung aus Generationen, Herkunftsländern und Motivationen in der voll besetzten Auferstehungskirche hätte kaum bunter sein können. Nachbarn mit Migrationshintergrund standen im Hintergrund und sogen jedes Wort auf. Auch Siedlungs-Nachbarn, die Angst um den Wertverlust ihrer Immobilie hatten. Zwischenrufe. Einer nahm das Mikrofon: "Ich bin 1986 als Flüchtling nach Reutlingen gekommen. Ich habe eine Frau und zwei Kinder. Wovor habt ihr Angst?" "Es geht um 80 Menschen, die in Not sind. Es geht ums Überleben", artikulierten sich die Unterstützer verständnislos.

Eine Stimmung, die von Behördenseite nur schwer zu beschwichtigen war: "Der Prozess ist vor Ort kaum noch steuerbar. Da muss man zulangen", erklärte Dr. Claudius Müller, zuständiger Dezernent vom Landratsamt. Gomadingen habe mit der Aufnahme von 60 Flüchtlingen im Feriendorf die ersten Zeltunterkünfte verhindert. Die Zahl der zugewiesenen Asylbewerber sei im Vergleich zu 2014 um 70 Prozent gestiegen. Bis Mitte des Jahres müssten weitere 500 Plätze bereitgestellt werden. "Wenn wir diese Personen nicht in die Gesellschaft holen, können wir sie nicht mit ihren Stärken integrieren", betonte Müller, "mit unseren Modellen der sozialen Teilhabe sind wir in 20 Unterkünften an 17 Standorten sehr gut unterwegs." Wer an der Römerschanze Ende Mai /Anfang Juni tatsächlich einziehen wird, erfährt auch die Behörde erst zwei Wochen vorher: "Wir müssen nehmen, was kommt." Dr. Hendrik Bednarz, im Ordnungsamt des Landratsamtes zuständig für die Unterbringung von Asylbewerbern, zählte auf: "Aus Syrien in der Regel junge Männer mit sehr hohem Bildungsniveau, Flüchtlinge aus Eritrea, Irak, Afghanistan und vom Balkan. Da sind die großen Gruppen."

Ein Wohnheimleiter, ein Hausmeister, der direkte Draht zur Polizei und ein Sozialarbeiter für 80 Flüchtlinge, auch als Ansprechpartner für die Nachbarn, gehöre zu den sozialen Strukturen vor Ort. "Ein kleines Team für Menschen, die Unterstützung brauchen und traumatisiert sind", kritisierte ein Diskussionsteilnehmer. "Ein komfortabler Schlüssel. Wir haben mit 1:100 gute Erfahrungen gemacht", sagte Hendrik Bednarz.

Ganz zum Schluss konnten sich Asylpfarrerin Karin Sälzer und Günter Jung, Sozialrichter a. D. in Reutlingen, zum Thema "Unterstützerkultur" zu Wort melden. Jung: "Wir brauchen ein Asylcafé jenseits der Bahnlinie, getragen von einem Unterstützerkreis." 50 bis 70 Ehrenamtliche seien nötig, um Kontakt, Begegnung und ein Angebot an Hilfe zu ermöglichen. Unterstützung von der Diakonie sei zugesagt. Beide luden zu einem Begegnungstreffen am Mittwoch, 25. Februar, um 18 Uhr ins IB-Wohnheim ein. Ausdrücklich "ohne Behörden".

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