Erwachsener in einer Woche

Der Lerneffekt ist enorm, die Stadtwerke-Azubis nehmen im Umgang mit Beschäftigten der Bruderhaus-Diakonie eine Menge positiver Erfahrungen mit. Seit zehn Jahren läuft das Kooperationsprojekt.

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Azubi Felix Braun (rechts) hat beim Sellerieschälen sehr schnell gemerkt: Der Kontakt zu Behinderten ist völlig problemlos.  Foto: 

"Naja, anfangs war die Hemmschwelle schon ziemlich hoch, hierherzukommen", berichtet Felix Braun in der Großküche der Bruderhaus-Diakonie beim Schälen von Sellerie. Mit Behinderten hatte er bislang nichts zu tun gehabt. In der Abteilung Gemüsevorbereitung ist der junge Mann von 25 behinderten Beschäftigten umgeben. Und: Hier funktioniert Inklusion mal andersherum, denn: Felix Braun ist Azubi bei den Stadtwerken, der fünf Tage mit Zwiebelschneiden, Karotten- und Sellerieschälen verbrachte.

"Meine Einstellung gegenüber Behinderten hat sich innerhalb dieser Woche geändert", erzählt der angehende Anlagenmechaniker für Gas- und Wasserrohre. "Das sind total nette Leute hier, alle sind sehr hilfsbereit." Und die Atmosphäre am Gemüse-Schnippel-Tisch ist extrem entspannt.

"Das ist immer das Gleiche", weiß Ralf Heim, Ausbildungsleiter bei der Fair-Netz, bei der alle Azubis der Stadtwerke angestellt sind: "Vor diesem Sozialpraktikum hier sind die Bedenken unserer Azubis immer groß - schon nach ganz kurzer Zeit merken sie aber, dass der Kontakt mit behinderten Menschen völlig problemlos ist." Und: Nach dieser einen Woche "kommen die Azubis etwas erwachsener zurück", so Heim. Einen Nachteil hat Felix Braun aber doch erkannt: "Ich finde das gar nicht so toll, dass meine Mutter jetzt weiß, dass ich Gemüse bearbeiten kann", sagt der Azubi schmunzelnd.

Insgesamt 142 Auszubildende haben in den vergangenen zehn Jahren während ihres ersten Lehrjahres dieses Praktikum bei der Bruderhaus-Diakonie absolviert, wie Klaus Saiger als Technischer Geschäftsführer der Fair-Energie betont. Wichtig sei den Stadtwerken als Arbeitgeber, "dass unsere Azubis neben der fachlichen auch soziale Kompetenzen erwerben". "Und wo könnten sie das besser als hier in den Werkstätten für behinderte Menschen?"

Insgesamt ein gutes Dutzend Azubis ist nun eine Woche bei der Bruderhaus-Diakonie. Sie arbeiten in der Metallwerkstatt mit, wo etwa Fadenspanner für die Strickmaschinen der Firma Stoll montiert werden. Das sieht kompliziert aus, ist auch nicht so einfach - "genau diese Rückmeldung erhalten wir von den Azubis immer wieder: Ich hätte nie gedacht, dass hier so anspruchsvolle Sachen gemacht werden", beschreibt Gertrud Meuth, die bei der Bruderhaus-Diakonie das Projekt "Soziales Lernen" organisiert. "Wenn die Azubis hier fünf Tage lang mitarbeiten, werden sie mit sich selbst konfrontiert und müssen im Umgang mit den behinderten Menschen zwangsläufig über sich selbst nachdenken."

Sandra Veit lernt bei den Stadtwerken Industriekauffrau, ist mit ihrer Ausbildung auch sehr zufrieden. Sie hätte sich aber auch vorstellen können, ihr Sozialpraktikum bei der Bruderhaus-Diakonie zu verlängern. Sie leitet im Förder- und Betreuungsbereich schwerstbehinderte Menschen an - und tut dies gerade so, als ob sie schon jahrelang mit den Männern zu tun hat. Dabei hatte auch sie anfangs Bedenken, aber eher, dass sie von den Menschen im Betreuungsbereich nicht akzeptiert wird. "Die Erfahrung hier ist sehr wertvoll für mich und macht viel Spaß", erzählt die 20-Jährige. So wie die Beschäftigten in den unterschiedlichsten Werkstätten der Bruderhaus-Diakonie freut sich auch Robert Kleinheitz jedes Jahr wieder auf die Azubis von den Stadtwerken: "Nach zwei bis drei Tagen sieht man ganz deutlich, wie die jungen Menschen ihre Scheu verlieren." Positiv bewertet der Werkstattratsvorsitzende die Erfahrungen, die junge Menschen hier machen: "Die meisten denken ja noch, dass wir nur Holzklötzle bauen." Was aber schon lange in den Bereich der Märchenwelt verbannt gehöre.

Übrigens: Im Gegenzug zu dem Sozialpraktikum kommen jedes Jahr rund 30 Mitarbeiter aus den Werkstätten für behinderte Menschen einen Tag zur Fair-Energie und lernen da jede Menge über Wasser, Gas, Strom und noch viel mehr. Dieser Besuch ist extrem beliebt. Auch bei Kleinheitz: "Ich hoffe, dass ich dieses Jahr mal wieder dabei sein kann."

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