Erste Anfänge in den 60ern

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    Anklänge an klassische Industriebauten mit Klinkerfassade: Das Heizwerk Bahnhofstraße aus Richtung Bahnhof gesehen, rechts oben verläuft die Bahnhofstraße, links die Gleisanlagen. Foto: 
  • Blick ins Innere der Heizzentrale Hauffstraße. 2/2
    Blick ins Innere der Heizzentrale Hauffstraße. Foto: 
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Die Fernwärme selbst bekommt man nun an wenigen Stellen zu Gesicht. Beispielweise auf dem Stadtwerkegelände an der Hauffstraße, wo an kalten Tagen die Kamine weiße Schwaden in die Luft blasen, oder an der Bahnlinie dort, wo die dicken silbernen Rohre ein stückweit über Tage verlaufen, bevor sie im Erdboden verschwinden. Bemerkbar macht sich die Fernwärme aber auch aktuell in der Oststadt, wo wegen Verlegearbeiten für die Versorgungsleitungen zum Anschluss weiterer Nutzer der Verkehr vorübergehend eingeschränkt ist.

Dabei hat die Reutlinger Fernwärmeversorgung schon eine lange Historie. Sie begann 1964 mit dem Bau des Heizwerks Lederstraße, dem heutigen DRK neben dem Parkhaus Lederstraße. Das Heizwerk mit drei Erdgas-Kesseln wurde vor allem für die Wärmeversorgung des neuen Rathauses und anderer öffentlicher und gewerblicher Gebäude im Innenstadtbereich errichtet. Das Fernwärmenetz reichte bis zum Friedrich-List-Gymnasium und an der Metzgerstraße bis zur Eichendorff-Realschule. Im gleichen Jahr wurde auf dem Gelände der Stadtwerke in der Hauffstraße ein erdgasbefeuertes Heizwerk errichtet, das neben den Betriebsgebäuden auch den benachbarten städtischen Fuhrpark versorgte.

1988 gab es erste Überlegungen, auf dem Areal der ehemaligen Maschinenfabrik „Bruderhaus“ eine Stadthalle sowie ein Hotel zu errichten und diese an die Fernwärme anzuschließen. Da die bestehenden Heizwerke der Sanierung bedurften und an der Kapazitätsgrenze waren, wurde das erste Fernwärmeausbaukonzept erarbeitet. Stadtwerke und die Stadt beschlossen aus Luftreinhaltegründen den Bau eines großen Heizwerks auf dem Stadtwerkegelände. Von dort aus sollte über zwei Versorgungsspangen – Tübinger Straße und Keplerstraße/Jahnstraße – die Innenstadt versorgt werden. 1989 wurde mit dem Bau der Fernwärmeleitungen begonnen, 1990/91 folgte der Neubau der Kesselanlage sowie des ersten Blockheizkraftwerks in der Hauffstraße.

In den 90er Jahren wurde das Neubaugebiet Schafstall mit Fernwärme erschlossen. Dabei entschied sich die Stadt aus Luftreinhaltegründen und wirtschaftlichen Erwägungen per Satzung für die ausschließliche Versorgung mit Fernwärme. 1989 wurde der Hochschulcampus an Fernwärme angeschlossen; außerdem konnten fast alle Eigentümergemeinschaften der Hochhäuser im Hohbuch von Fernwärme überzeugt werden und bis 2002 an das Netz angeschlossen werden.

Im gleichen Jahr wurde vom Hochschulgelände eine Fernwärmeleitung zum Neubau des Kreuzeiche-Stadions gelegt. Bereits damals gab es Überlegungen, die Leitungen so groß zu bauen, dass später die bestehenden Nahwärmeversorgungen der ehemaligen Ypernkaserne und der Eduard-Spranger-Schule sowie die Wohngebäude der GWG entlang der Ringelbachstraße langfristig versorgt werden könnten.

Die Entscheidung, die Leitung zum Stadion in großzügiger Dimension zu verlegen, bestätigte sich 2010, als die Bruderhaus-Diakonie sich für die Kopplung einer Holzhackschnitzelheizung mit Fernwärme entschied. Zur Versorgung der Gebäude mit Fernwärme wurde die Leitung durch das Gelände des Freibads „Markwasen“ bis in die Ringelbachstraße geführt.

Im Zuge der Sanierung der Fußgängerzone wurde im Jahr drauf Fernwärme in der Wilhelmstraße verlegt. Bis 2015 folgte dann die Leitung in der Oberamteistraße bis zum Weibermarkt. Diese Verbindung ist von Bedeutung, da vom Weibermarkt über die Aulberstraße eine erste Anbindung zur Versorgung der Oststadt geschaffen wurde.

Um den kontinuierlich steigenden Fernwärmebedarf in der Innenstadt decken zu können, musste bis 2015 der Ringschluss über die Ringelbachstraße zum bestehenden Netz in der Lederstraße vollzogen werden. Die Echaz wurde beim Parkhaus „Lederstraße“ gequert. Im gleichen Jahr wurde die Fernwärmeversorgung für das Steinenbergkreisklinikum aufgenommen, das wie die Bruderhaus-Diakonie eine Kombi-Versorgung wählte. Die Grundlast deckt das Klinikum mit seinem Blockheizkraftwerk ab, die Spitzenwärme und beim Ausfall des BHKWs übernimmt die Fernwärme. 2016 wurde die Leitung von der Ringelbachstraße zur Lindachstraße verlegt, um die Tagesklinik EchTAZ zu versorgen.

Seit 2009 gibt es nicht nur ein Bundesgesetz, das bei Neubauten einen Mindestanteil erneuerbarer Energien fordert, wenn eine Heizung ersetzt wird, sondern auch ein Landesgesetz für bestehende Heizungen. Für Altbauten gilt das Erneuerbare-Wärme-Gesetz EWärmeG, für Neubauten das EEWärmeG. Beiden ist gemeinsamt, dass die Verwendung von Fernwärme – sofern sie überwiegend aus Kraft-Wärme-Kopplung stammt – die Kriterien des Gesetzgebers erfüllt. Genau dies ist beim Blockheizkraftwerk in der Hauffstraße gegeben. Die Vergleichsrechnungen vieler Kunden haben gezeigt, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis der Fernwärme gegenüber dezentralen Lösungen mit Solarthermie, einem eigenen BHKW oder einer Holzheizungsanlage besser ist.

Bei Neubauten spielt zudem der niedrige Primärenergiefaktor der in der Hauffstraße erzeugten Fernwärme eine entscheidende Rolle. Dieser Faktor, das Verhältnis zwischen eingesetzter Primär- und Endenergie, ist hier wegen des hohen Wirkungsgrads des BHKW besonders gut.

Weil die gesetzlichen Anforderungen bei Energie-Einsparmöglichkeiten, Energieeffizienz und Einsatz regenerativer Energien noch weiter steigen werden, werden auch die Anforderungen an die Fernwärmeversorgung steigen. Das neue Heizwerk „Bahnhofstraße“ wird in der ersten Ausbaustufe zwei Gasheizkessel erhalten, um den Spitzenbedarf im Winter abzudecken. Das BHKW „Hauffstraße“ wird dabei weiter den erforderlichen Anteil Wärme aus dem Blockheizkraftwerk beisteuern. Sinkt dieser Anteil bei weiterem Netzausbau, könnte auch im Heizwerk „Bahnhofstraße“ ein zusätzliches BHKW errichtet werden.

Und Fernwärme ist zukunftsträchtig. Die deutsche Energiewende gibt klare und ambitionierte Ziele für die Reduktion von CO2-Emissionen und Energieverbräuchen in den kommenden Jahren  vor. Die Treibhausgasemissionen sind bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren, bis 2050 steht die Zielmarke bei bis zu 95 Prozent. Dazu leisten auch die Energieeffizienzziele einen Beitrag. Hier ist bis 2020 der Verbrauch an Primärenergie um 20 Prozent gegenüber 2008 zu verringern, bis 2050 sogar um 50 Prozent. Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) und Wärmenetze können hierzu einen entscheidenden Beitrag leisten. Das ergibt sich aus der Effizienz der KWK-Erzeugung von Wärme und Strom sowie längerfristig aus der Einbindung von erneuerbaren Energien. Mit dem verstärkten Ausbau des Fernwärmenetzes im Innenstadtbereich und der Schaffung des neuen Heizwerks wird eine Infrastruktur geschaffen, mit der ein nachhaltiger Beitrag zur Energiewende geleistet wird.

2014 zeichneten sich Versorgungswünsche ab bei mehreren Gebäuden der GWG in der Unteren Gerberstraße, beim Berufsschulzentrum des Landkreises, beim Hochhaus von Schöller & Partner Unter den Linden, bei Polizei und Finanzamt. Hier muss die Versorgung des Innenstadtbereichs durch einen zweiten Heizwerksstandort unterstützt werden. Da das Netz vom Heizwerk „Hauffstraße“ sternförmig aufgebaut ist, kommen die Leitungen beim weiteren Ausbau an ihre Belastungsgrenze. Um den seit 2010 stark steigenden Fernwärmbedarf decken zu können, wurde die Spitzenkesselanlage in der Hauffstraße 2016 auf die maximal mögliche Größe erweitert, es wurden drei ältere Heizkessel mit je sieben Megawatt Leistung durch drei Kessel mit je zehn Megawatt ersetzt. Unabhängig von der Leistung der Kesselanlage ist bereits heute die Kapazität des Leitungsnetzes erreicht. Dies macht eine zusätzliche Wärmeeinspeisung für potenzielle Kunden und für die kältesten Tage im Winter erforderlich. Es galt, einen Standort für das neue Heizwerk zu finden, möglichst am anderen Ende des Netzes oder nah an der Oststadt.

Mit dem Baudezernat begann 2014 die Standortsuche. Zunächst war die Heizzentrale des Kreisklinikums im Fokus, doch dieser Standort erwies sich als zu klein; es fehlte das Ausbaupotenzial. Dann schlug die Stadt den Standort Bahnhofstraße vor, der hydraulisch sehr gut geeignet ist. Als sich abzeichnete, dass Fernwärme für das Kreis-Schulzentrum eine ökonomisch wie ökologisch sinnvolle Option darstellte, wurde schnell klar, dass diesem Standort und dem Zeitplan höchste Priorität zukommt. Da das Schulzentrum bis Ende 2018 versorgt werden muss, begann deshalb jetzt bereits der Leitungsbau in der Aulber- und Charlottenstraße.

Mit einer Länge von 47 Metern und einer Breite von 17 Metern verfügt das Heizwerk über eine Grundfläche von 800 Quadratmetern. Diese wird auf acht Meter tiefen Bohrpfählen gegründet und wird damit den vorliegenden Bodenverhältnissen gerecht. Die Fassadengestaltung orientiert sich an städtebaulichen Gestaltungsvorgaben, die Außenfassade wird in Klinker ausgeführt und das Dach begrünt. Das Heizwerk verfügt über eine Kesselleistung von 16 MW, welche sich auf zwei Anlagen mit je 8 MW verteilt. Dies entspricht der Anschlußleistung von 800 Einfamilienhäusern.

Aufgrund der Ausbaureserve können zwei weitere Kessel oder ein BHKW ergänzt werden. Insgesamt investiert die Fair-Energie rund 10,3 Millionen Euro in das Projekt, das ab Dezember 2018 die Wärmelieferung aufnehmen soll. Insgesamt können durch die Lieferung von Fernwärme aus dem Erzeugungspark der Fair-Energie jährlich rund 11 000 Tonnen CO2-Emissionen vermieden werden. Durch den geplanten Ausbau der Fernwärmeversorgung in Reutlingen kann bis zum Jahr 2030 ein Einsparungsziel von bis zu 17 000 Tonnen/ CO2-Emissionen pro Jahr erreicht werden.

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