Erst entführt, dann entschlüsselt

Seit Mitternacht ist Rudolf Heß im Ruhestand. Davor allerdings hatte er noch einmal einen Arbeitstag zu wuchten, der vollgepackt war mit Terminen - oder besser: mit bewegenden und schönen Momenten.

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Regierungspräsident Hermann Strampfer hatte sich gerade von Rudolf Heß verabschiedet und auch das letzte großen Treffen mit den Rathausmitarbeitern war eben erst vorbei, da kam Finnia ins Chefzimmer geeilt. "Opa", hat sie gesagt, "du musst mitkommen." Und weil Rudolf Heß ein vorbildlicher Großvater sein will, ist er der Vierjährigen gefolgt. Durchs Vorzimmer, die Treppen hinunter, zum Foyer hinaus auf den Marktplatz. Und da wartete auf den so Entführten an seinem letzten Arbeitstag eine faustdicke Überraschung: 400 Kinder mit ihren Erzieherinnen.

Ein rührender Anblick, zumal der Pfullinger Nachwuchs luftballontechnisch in den Stadtfarben unterwegs war und das Lieblingslied des scheidenden Bürgermeisters auf den Lippen hatte: "Im Kindergarten". Warum er das Lied so mag, gestand er kurz darauf: "Weil ich selbst nie im Kindergarten war. In Rietheim gab's damals keinen." Ein Defizit, das der heute 66-Jährige nachzuholen wusste. "Ich habe eine Erzieherin geheiratet", erklärte er den Kindern, die nicht nur voller Inbrunst sangen, sondern auch ein Geschenk dabeihatten. Das überreichte Erzieherin Heike Reiff nicht ohne Stolz. Sämtliche Pfullinger Kindergartenkinder haben nämlich ihre Bilder und Wünsche für den Bürgermeister zu Papier gebracht, und die Seiten wurden dann zu drei Büchern gebunden - und zwar mit den Buchdruckmaschinen, die Norma und Dieter Schumacher der Stadt vermacht haben und die heute im Stadtgeschichtlichen Museum stehen. Drei knallrote Originale mit Sprüchen, wie sie sich nur Kinder ausdenken können, sind so entstanden. Ein Junge zum Beispiel hofft für den Ruhestand, "dass Herr Heß auch ja nie spucken muss". Ein Mädchen wünscht ihm Hasen zum Schmusen, vier Pferde und ein Fohlen. Und eine Reise zum Nordpol soll dem Ehepaar Heß auch noch gegönnt sein, findet ein Junge.

Das Segenslied, das sämtliche Kindergartenkinder folgen ließen noch im Ohr, eilten Bürgermeister und Gattin im Geleit von Jürgen Albrecht dann auch schon hinüber zur Realschule. Der Rektor hatte ja beim Festakt in den Pfullinger Hallen bereits eine Überraschung angekündigt.

Wieder waren es singende Kinder, die Heß erwarteten. Diesmal Jungen und Mädchen von allen Pfullinger Schulen - eine Delegation der 3000 sozusagen. "Und ein Chor, den es so noch nie gegeben hat", wie Albrecht erklärte. Mit "Hinaus in die Welt" begrüßten die Jungen und Mädchen den Schultes. Freilich: Auch sie hatten ein Geschenk parat. Einen Flug zur Zugspitze und zurück über den Bodensee nach Pfullingen wird das Ehepaar jetzt, da Rudolf Heß im Ruhestand ist, machen können. Der Schultes war derart begeistert, dass er bekannte: "Hätte ich nicht die Verwaltungslaufbahn eingeschlagen - ich wäre Schulmeister geworden."

Dem abwechslungsreichen Vormittag folgte ein arbeitsreicher Nachmittag. Und gestern Abend dann übrigens noch ein Grußwort bei den Kreishandwerkern in den Pfullinger Hallen. Dazwischen, um 17 Uhr, der wohl symbolträchtigste Akt des letzten Arbeitstages: die Übergabe des Rathausschlüssels an Nachfolger Michael Schrenk. Der sitzt ab heute auf dem Chefsessel. Ein Stuhl, der heute Morgen noch warm gewesen sein könnte. Dem Vernehmen nach soll Rudolf Heß das Rathaus erst am späten Abend verlassen haben.

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