Er wagt jetzt den Spagat auf Zeit

Der Tarifstreit im Öffentlichen Dienst hatte kurz Ferien gemacht, doch jetzt geht es weiter mit Streiks an Kitas. Wir sprachen mit Martin Gross, seit kurzem auch stellvertretender Verdi-Landesbezirksleiter.

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Sprachrohr der Beschäftigten: Verdi-Bezirks-Chef Martin Gross im März bei der Kundgebung des Sozial- und Erziehungsbereichs auf dem Reutlinger Marktplatz. Rechts Bezirks-Jugendsekretärin Kathrin Meiritz.  Foto: 

Am Mittwoch blieben in Karlsruhe und Pforzheim wieder Kitas geschlossen, weil Erzieherinnen und Erzieher in Warnstreik traten und sich in Karlsruhe zur Kundgebung trafen. Damit wollte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi den Druck auf die Arbeitgeber bei der gestrigen dritten Verhandlungsrunde der Sozial- und Erziehungsberufe in Düsseldorf erhöhen.

Martin Gross, Geschäftsführer im Verdi-Bezirk Fils-Neckar-Alb und wie berichtet vor kurzem zum stellvertretenden Verdi-Landesbezirksleiter gewählt, berichtete gestern auf Nachfrage unserer Zeitung, dass aber auch diese Verhandlungsrunde vermutlich ohne Ergebnis bleiben und aller Voraussicht nach vertagt werde. Die Gespräche zogen sich gestern über den Redaktionsschluss bis in die Nacht hin.

Die aktuelle Aufwertungskampagne für Sozial- und Erziehungsberufe ist für Gross seit langem überfällig. Denn selbst mit einem Plus von zehn Prozent für Erzieherinnen, wie es Verdi durchsetzen will, wären die hier Beschäftigten immer noch deutlich schlechter entlohnt als beispielsweise Facharbeiter. Für Gross ist dies ein klarer Fall für "equal pay", für die gleiche Bezahlung für Frauen und Männer.

Zur Bezahlbarkeit dieser wie vieler anderer Forderungen sagt Gross nur: "2016". Das kommende wird ein besonderes Jahr: "Ein Prozent der Weltbevölkerung wird so viel besitzen, wie die anderen 99 Prozent." Dennoch sei es "gerade nicht besonders trendy oder in bei den Regierungsparteien, über gerechte Verteilung und gerechte Besteuerung großer Vermögen und Erbschaften zu diskutieren", sagte der dem linken Gewerkschaftsflügel Zugehörige in seiner Bewerbungsrede in Ulm. "Arrogante Mäzene" findet Gross "unerträglich": "Ich habe beileibe nichts gegen Kunst, aber es geht doch darum, wenn man diesem Staat Geld vorenthält und nach Gutdünken selber Gutes tut, dass man praktisch die demokratischen Institutionen außer Kraft setzt."

Er aber will, "dass mein Gemeinderat darüber entscheidet, ob ein marodes Schuldach repariert wird oder ob man Geld für ein Kunstwerk ausgibt". Da brauche es einen "handlungsfähigen Sozialstaat, in dem die Reichen auch gerechte Steuern bezahlen". Und die Gewerkschaft müsse den Mut haben, diese Verteilungsfrage weiterhin offensiv in die Gesellschaft hineinzutragen.

Als Konsequenz fordert Verdi aktuell von der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände (VKA) eine Neuregelung der Eingruppierungsvorschriften und Tätigkeitsmerkmale für die rund 240 000 Beschäftigten im kommunalen Sozial- und Erziehungsdienst.

Die deutliche Aufwertung und die damit verbundene Einkommensverbesserung ist nach Ansicht von Verdi nötig, weil die Anforderungen an die Beschäftigten erheblich gestiegen sind. "Das Modell Familie ist komplizierter geworden", sagt Gross, selber geschieden und dreifacher Vater. Kitas müssen auf flexible Arbeitszeiten berufstätiger Eltern ebenso reagieren wie auf das geänderte Freizeit- und Konsumverhalten der Kleinen. Hier werde richtige, wichtige pädagogische Arbeit in den prägenden ersten sechs Lebensjahren geleistet, weiß Gross, dessen Tochter vor dem Anerkennungsjahr als Erzieherin steht.

Hinzu komme, dass vielen der Beschäftigten - weit überwiegend Frauen - nur Teilzeitverträge angeboten werden. Laut Verdi haben bundesweit nur 40 Prozent der Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst eine Vollzeitstelle.

Nach dem erneuten Scheitern der Gespräche plant die Gewerkschaft nun zum nächsten Verhandlungstermin landesweite Streiks und eine zentrale Kundgebung.

Martin Gross geht es bei solchen Arbeitskämpfen nicht ausschließlich um das Verhandlungsergebnis: "Die Gewerkschaft muss aus einer Tarifauseinandersetzung auch gestärkt hervorgehen. Er kann mit der Entwicklung und dem Zuwachs im Bezirk Fils-Neckar-Alb durchaus zufrieden sein, mittlerweile zählt man knapp 25 000 Mitglieder. Und er ist stolz auf die Mitglieder, die alten wie die jungen. Wie sie bei der jüngsten Kundgebung in Reutlingen aufgetreten sind und am Mikrofon ihre berufliche Situation schilderten, das war "schon klasse", sagt Gross. Selbstverständlich müsse die Gewerkschaft "vorausgehen und notfalls den Prellbock abgeben, aber die Leute stark machen, ihre Sache selbst in die Hand zu nehmen und ihre Fähigkeiten zu fördern, das ist unsere Hauptaufgabe!"

Diese Aufgabe will Gross nun zunehmend auf Jüngere übertragen, denn nach der Wahl beim Delegiertentag am 20. März in Ulm hat er inzwischen an seiner neuen Wirkungsstätte, der Verdi-Zentrale in Stuttgarts Innenstadt, angefangen. Neben Landesbezirksleiterin Leni Breymaier, die zum dritten Mal auf vier Jahre gewählt wurde, ist Gross mit Dagmar Schorsch-Brandt einer ihrer Stellvertreter. "Ich werd' jetzt für gewisse Zeit den Spagat versuchen", sagt Gross, sprich, die halbe Zeit in Stuttgart sich um die Finanzen und die Jugendarbeit kümmern, die andere Hälfte dem heimischen Bezirk widmen.

Hier kandidiert die 29-jährige Verdi-Jugendsekretärin und gelernte Krankenschwester Kathrin Meiritz als stellvertretende Bezirksgeschäftsführerin. Ab Juli könnte die Reutlingerin, wenn der Bezirksvorstand zustimmt, im Team mit Gross den Bezirk Fils-Neckar-Alb führen. Die jetzige stellvertretende Bezirksgeschäftsführerin Carola Gross gibt zum 1. August ihr Amt ab, konzentriert sich auf die Aufgaben der Betriebsbetreuung und könnte Meiritz ebenfalls unterstützen.

Gross hält große Stücke auf Meiritz, will sie aber zugleich nicht überfordern. Der 54-Jährige ist begeistert vom Gewerkschaftsnachwuchs: "Wir haben einen totalen Verjüngungsprozess im Bezirk, wir sind viel jünger und viel weiblicher geworden, das passt alles wunderbar und geht in die richtige Richtung", hegt er keinerlei Zweifel an seinen möglichen Nachfolger(inne)n. Denn auch daran besteht kein Zweifel: Irgendwann wird der Landesbezirk ihn zu 100 Prozent einfordern.

Vita: Martin Gross

Martin Gross wurde am 9. Oktober 1960 in Reutlingen geboren und wuchs teilweise in Metzingen auf. Der gelernte Großhandelskaufmann (bei der SPAR-Zentrale der Firma Schaal-Kurtz) kam nach dem Zivildienst im Oberlin-Kinderheim mit 24 Jahren als Verwaltungsangestellter zur Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV), war dort auch für Jugendarbeit zuständig. 1988 absolvierte er eine Ausbildung zum Gewerkschaftssekretär in Mannheim und Hamburg. Besonders Mannheim war für ihn "prägend, ich habe dort gelernt, auch mit Niederlagen positiv umzugehen".

Frisch von der Schulung zurück, wurde ihm 1989 beim Kampf um die Ladenschluss-Zeiten, Stichwort Langer Donnerstag, "gleich das Megafon in die Hand gedrückt", um als frisch gebackener Gewerkschaftssekretär in der Region die Reihen anzuführen. 1998 wurde er zum Geschäftsführer des HBV-Bezirks Südwürttemberg mit den drei Standorten Konstanz, Ulm und Reutlingen gewählt.

Mit Gründung der vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi 2001 aus der Angestellten-Gewerkschaft DAG, der Postgewerkschaft DPG, IG Medien-Druck, ÖTV und HBV wechselte auch Gross, wurde 2002 Geschäftsführer im Bezirk Neckar-Alb. Zunächst kommissarisch, ab 2005 als Geschäftsführer leitet er den durch Fusion entstandenen Bezirk Fils-Neckar-Alb mit Geschäftsstellen in Reutlingen und Esslingen.

Sein Motto: "Wenn, dann musst Du selbst die Sachen anpacken!"

PET

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