Er begreift die bleischwere Kunst

"Ich begreife die Texte", sagt Hermann Rapp - im doppelten Wortsinne. Der in Hessen lebende, geborene Pfullinger, zeigt in der Klosterkirche seine Druckgrafiken mit viel philosophischem Inhalt.

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  • Hermann Rapp und seine "zwölf Nonnen" in der Klosterkirche. Er schuf sie speziell für Pfullingen. Fotos: Jürgen Herdin 1/2
    Hermann Rapp und seine "zwölf Nonnen" in der Klosterkirche. Er schuf sie speziell für Pfullingen. Fotos: Jürgen Herdin
  • Ein wertvolles Buch mit Sinnsprüchen gabs für Gert Seeger von der Stadt. 2/2
    Ein wertvolles Buch mit Sinnsprüchen gabs für Gert Seeger von der Stadt.
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Die Finissage der beiden Ausstellungen - eine davon in der Stadtbücherei - wird nicht zufällig am 25. Mai sein. Der Druck-künstler Hermann Rapp, der nur bis zu seinem 18. Lebensjahr in Pfullingen lebte, wird 75 Jahre jung. "Diese Stadt ist mein Quellort" ließ er auf poetische Weise zur Vernissage in der Klosterkirche wissen.

Voller Elan stellt Hermann Rapp seine Werke dem Publikum vor, mit nach Tübingen hat er auch den Druck von den drei Philosophen mitgebracht, im Untergeschoss steht seine Bilderfolge von den "zwölf Nonnen", die er speziell für Pfullingen geschaffen hat. Es ist eine Kreidezeichnung auf schwarzem Museumskarton.

Rapp ist ein ausgesprochen bibliophiler Mensch, der seine Klassiker mehr als nur angelesen hat, fast allesamt Philosophen - von den alten Griechen bis zu der Tübinger "Dreierbande" Schelling, Hegel und Hölderlin, dem "Trio der Freiheit", dem er in seiner Rede zur Ausstellungseröffnung viel Platz einräumte. Ihnen hat Hermann Rapp eigens einen ganz speziellen Druck gewidmet.

Der Schriftsetzer lebt seit 1979 mit seiner Frau Gisela im tiefsten Hessen, in einem abgelegenen Tal zwischen Limburg und Bad Homburg. Rapp ist mit seinen Werken regelmäßig auf der Frankfurter Buchmesse präsent. Mittlerweile lagern dreieinhalb Tonnen Bleilettern in seinem Ateliersgewölbe in einem alten Fachwerkhaus.

An Gert Seeger als stellvertretendem Bürgermeister war es, den einstigen Pfullinger zu begrüßen, ebenso sprach Karola Adam von der Stadtbücherei, die das Engagement von "pro arte" um Hans Joachim Sonntag lobte, die diese Schau nach Pfullingen holen konnte. Seeger stellte fest: "Rapp nimmt jeden einzelnen Buchstaben in die Hand."

Und so kam am Freitagabend zur Vernissage noch einer davon hinzu. Gebogen aus einem Nagel überreichte Seeger dem bleischweren Künstler den Buchstaben "P" - wie Pfullingen. Für die musikalische Umrahmung sorgten an ihren Gitarren Patrick Klaiber und Konstantin Rosenberg von der Musikschule.

Hermann Rapp führte die Gäste der Schau zunächst zurück ins späte 18. Jahrhundert, in die Zeit der französischen Revolution, einer Zeit "in der das alte Europa durchgerüttelt wurde", so Rapp. Die Geschehnisse rund um die Bastille veränderte die Welt - so auch in Tübingen mit den besagten drei Protagonisten der Freiheit.

Ein Text von ihnen - mutmaßlich eine Handschrift von Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 bis 1831) - bekam 1912 von Franz Rosenzweig das Prädikat "ältestes System-Programm des deutschen Idealismus". Die Notizen, auch Hölderlin und Schelling sollen daran gearbeitet haben, gingen in den Wirren des Zweiten Weltkriegs in Berlin verloren, Hermann Rapp durfte sie dann in der Jagellonischen Bibliothek in Krakau im Original einsehen. "Das war eine Sternstunde in meinem Bücherleben", bekennt er.

Rapp reproduzierte den Text auf Seidenpapier aus Burma, in einer Auflage von nur sechs Exemplaren. Und er gab dem Werk einen eigenen Namen: "Hinterlassenschaft einer Zukunftsidee".

Auch Goethes "Über die Natur", ein Text, den der Dichter in jungen Jahren verfasste, hat sich Hermann Rapp angenommen. Es entstanden fünf Blätter zum "Jung-Goethe". In der Pfullinger Stadtbücherei befindet sich derzeit ein Buch von Rapp über Schillers "Ich, die Natur und Gott und die Zukunft". Weit gereist sei dieser Text, bis ins Städtchen Mo I Rana am Polarkreis, dem zweiten Sitz der Norwegischen Nationalbibliothek neben Oslo. Ein Jazzmusiker dort hat es sogar vertont.

Als Geschenk Rapps an die Stadt überreichte er Gert Seeger ein Buch mit Aphorismen und Sinnsprüchen aus zweieinhalb Jahrtausenden. Auch Theognis von Megara aus dem sechsten Jahrhundert vor Christi ist vertreten. Wie für Gemeinderäte von heute geschaffen, schrieb der: "Zweimal und dreimal bedenke, was Du zum Handeln Dir vornimmst. Schaden stiftet der Mann, der überstürzt sich entschließt."

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