Endlich Verbesserungen

Wie ungewöhnlich – da gab es bei der Gewerkschaftskundgebung zum 1. Mai in Reutlingen doch tatsächlich für eine Bundesregierung Lob.

|
 Foto: 

Wie ungewöhnlich – da gab es bei der gestrigen Gewerkschaftskundgebung zum 1. Mai in Reutlingen doch tatsächlich für eine Bundesregierung Lob. Wenn auch in homöopathischen Dosen verpackt.

NORBERT LEISTER

Nach Jahrzehnten des Sozialabbaus in der Rentenversicherung kommt es endlich mal wieder zu Verbesserungen für Arbeitnehmer“, sagte Ernst Blinzinger als zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Reutlingen-Tübingen am Donnerstag auf dem Reutlinger Marktplatz. Aber: „Der Gesetzentwurf geht nicht weit genug – wir wollen die abschlagsfreie Rente mit 63 bei 45 Versicherungsjahren dauerhaft.“ Das Rentenpaket sei nicht ausreichend, „aber es bringt ein Stück mehr Gerechtigkeit“. Nach einer ZDF-Umfrage hätten sich 82 Prozent der Bevölkerung für die Rentengesetze ausgesprochen, der Gegenwind gegen das geplante Paket habe aber nicht lange auf sich warten lassen, sagte Blinzinger vor rund 800 Zuhörern.

Das Institut für neue soziale Marktwirtschaft etwa – eine Einrichtung, die vom Gesamtverband deutscher Arbeitgeber gegründet worden sei – versuche, „mit perfiden Tricks, Junge gegen Ältere aufzuhetzen“, so Blinzinger. Dabei sei es „ausgewiesener Blödsinn, dass die abschlagsfreie Rente mit 63 die Jüngeren benachteiligt“. Gerade für die junge Generation sei es gut, „dass jetzt endlich der Mindestlohn kommt“. Voraussichtlich zu niedrig müsse er dennoch ausnahmslos für alle Beschäftigten gelten.

Schon vor der Kundgebung auf dem Marktplatz hatte sich ein Forum von linken Reutlinger Gruppen, wie der Montagsdemo, Attac, Verdi oder auch der MLPD mit rund 70 Personen vor dem Tübinger Tor getroffen, um dort auf eine Vielzahl von gesellschaftspolitischen Problemen hinzuweisen. Wie etwa auf die Gefährdung des Hebammenberufs. Oder auf das geplante transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen Europäischer Union und USA – das gefährde nämlich die Daseinsfürsorge. Warum? Weil etwa Krankenhäuser und Kanalnetze privatisiert werden könnten. Auch Ernst Blinzinger hatte das Thema TTIP aufgegriffen: Eine „Deregulierungs- und Liberalisierungswelle“ könne dazu führen, dass „im Supermarkt künftig Chlorhühnchen, Hormonfleisch und genveränderte Lebensmittel angeboten werden – und das ohne Kennzeichnungspflicht“.

Obendrein sei bei alledem zu erwarten, „dass für den Gewinn von Wenigen Arbeitnehmer- und Sozialrechte abgebaut werden“, so Blinzinger. Schlussendlich diene dieses geplante Handelsabkommen nur einem: „Die Macht der Konzerne zu stärken und die Gestaltungsmöglichkeiten der Gesellschaft massiv einzuschränken“, so Blinzinger. Dennoch warnte er vor der grassierenden Europamüdigkeit – gerade im Hinblick auf die in Kürze anstehende Wahl zum Europaparlament. Es bestehe „die Gefahr, dass der Nationalismus, die Nationalismen im Europaparlament noch mehr Raum gewinnen“. Was dann passieren könne? „Europa würde zurückgeschoben in eine ungute Vergangenheit, in eine Viel- und Kleinstaaterei, in ein Neben- oder gar Gegeneinander statt miteinander“, mahnte der IG Metall-Funktionär.

Für ein friedliches Miteinander hat sich im Übrigen auch das an die Kundgebung anschließende Internationale Fest stark gemacht, mit Folklore aus unterschiedlichen Ländern und mit den Blasmusik-Rockern von Grachmusikoff auf der Bühne. Zuvor hatte Ernst Blinzinger allerdings auch noch auf die Kriegsgefahr im Osten hingewiesen: „Was jetzt in der Ukraine gebraucht wird, ist Besonnenheit auf allen Seiten, keine Kraftmeierei, weder in Washington noch in Moskau, es braucht Verständnis als Gegenstück zu ideologischer Borniertheit.“

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Unterwegs in ein neues ÖPNV-Zeitalter

Der Gemeinderat hat gestern Abend mit großer Mehrheit den Grundsatzbeschluss für ein neues Stadtbuskonzept gefasst. Die Umsetzung soll im zweiten Halbjahr 2019 starten. weiter lesen