Einmalig im Land

Leuchtturm, Vorreiter, Beispiel: Seit Mitte 2015 bietet das Netzwerk Antidiskriminierung in der Region Reutlingen-Tübingen Unterstützung bei erlebter Diskriminierung. Das Angebot ist landesweit einmalig.

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Das Netzwerk (von links): Andreas Foitzik von der Bruderhaus-Diakonie, Borghild Strähle (Beraterin) und Marjam Kashefipour (Vereinsvorstand).  Foto: 

Es begann 2011 mit der Klage eines Mannes gegen eine Reutlinger Diskothek. Sie wies ihn 2010 wegen seiner Hautfarbe ab. Das Oberlandesgericht Stuttgart sprach ihm eine Entschädigung zu. Das Urteil sorgte bundesweit für Wirbel, kam doch zum ersten Mal konsequent das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) zur Anwendung. Unterstützung beim Gang durch die Instanzen fand der damals 18-Jährige allerdings nur bei einem Berliner Antidiskriminierungsbüro. Eine Anlaufstelle in der Region? Fehlanzeige.

Ausgangspunkt, um zuerst in Reutlingen, dann in Tübingen die runden Tische zum Thema Antidiskriminierung ins Leben zu rufen. Ende 2014 schlossen sich beide zum Verein "Netzwerk Antidiskriminierung" mit dem Ziel zusammen, durch Kooperation mit verschiedenen Trägern, Organisationen und Unterstützern eine professionelle Antidiskriminierungsberatung in der Region aufzubauen.

Unter der Ägide der Vereinsvorstände Marjam Kashefipour und Lutz Adam hat sie nun, seit Mitte des Jahres, ihre Arbeit aufgenommen. Die Antidiskriminierungsberatung, die der Verein mit Sitz in Reutlingen leistet, ist einmalig im Land und gefördert durch das Integrationsministerium. Seit Mai 2015 auch durch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ads).

Treuhänderisch vom Fachbereich Jugend, Bildung und Migration der Bruderhaus Diakonie geführt, steht das Angebot des Vereins dabei für alle Zielgruppen und Themen offen und bietet Einzelfallberatungen etwa zu den Themen Rassismus, Behinderung oder sexuelle Orientierung ebenso, wie praktische Hilfestellungen, um gegen erlebte Diskriminierungen vorzugehen. Im Alltag oder - wenn es sein muss - auch im juristischen Ring.

Borghild Strähle will mit ihrem qualifizierten Beraterteam Anlaufstelle sein für all jene Themen, die in bestehenden Strukturen noch nicht aufgehoben sind. Gleichzeitig will sie den Inhalt der geltenden Gesetzeslage weiter "unter die Menschen bringen". Allein der Hinweis darauf, so erzählt sie, wirke oftmals wie eine Erlösung. Ob wegen körperlichen Beeinträchtigungen, wegen der Hautfarbe, des Geschlechts oder der Religion: Alltägliche Diskriminierungen finden ebenso oft statt, wie sich Betroffene, die sich dagegen wehren, als "Mecker- und Motzmaschinen" erleben müssen.

Ein Schwerpunkt ist neben der Einzelfallberatung denn auch ein Bewusstseinswandel. Ob vor Ort in Kommunen oder unter Pädagogen: In Fortbildungen geht es einerseits darum, die Sensibilität für Diskriminierungslagen zu schärfen, aber auch das Hilfsangebot als solches bekannt zu machen. Andreas Foitzik von der Bruderhaus Diakonie geht in Zeiten der inklusiven Klassenverbände von einem steigenden Bedarf aus. Aber grundsätzlich betont er während des Pressegesprächs: "Wir wollen keine Parallelstrukturen aufbauen, sondern bestehende Angebote ergänzen." Mit seinem niederschwelligen Beratungsangebot jedenfalls hat der Verein offene Türen eingerannt und erlebt schon jetzt eine große Resonanz. Und das, obwohl sich der Verein nach wie vor im Aufbau befindet, er Räume von kooperierenden Organisationen nutzt und weiter auf der Suche nach finanzieller Unterstützung ist. "Wir sind faktisch darauf angewiesen, dass die Kommunen mit einsteigen", unterstreicht Foitzik den Wunsch des Vereins nach einer stabilen Sockelfinanzierung. Neben der kostenlosen Beratung bietet der Verein auch weiter zwei Mal im Jahr runde Tische zum Thema in Reutlingen und Tübingen an. Ein weiterer könnte in Metzingen entstehen. Letztendlich will der Verein sein Netzwerk in die Breite der Landkreise tragen. Seine Kompetenz - durch die Beratung anderer Initiativen im ganzen Land - allerdings weit darüber hinaus.

Info Unter Telefon: ( 0 70 71) 14 310-40 bietet der Verein "Netzwerk Antidiskriminierung" individuelle Beratungen an. Unter www.netzwerk-antidiskriminierung.de kann man sich schriftlich an den Verein wenden. Er lädt zudem am 8. Dezember ab 17 Uhr zum offenen runden Tisch in Reutlingen ein. Interessierte treffen sich im franz.k.

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