Einmal war der Wurm drin

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Er hat ganze Heerscharen von Fans – und nur einen einzigen Gegner: den Poch- und Klopfkäfer. Doch bis auf die angenagten Stellen geht’s dem Pfullinger Bücherbaum auch nach einem Jahr noch bestens.

EVELYN RUPPRECHT

Als die Frauen von der Mentorenwerkstatt vor einem Jahr den Bücherbaum am Pfullinger Marktplatz aufgestellt haben – da gab es viele begeisterte Kommentare und, wie sollte es anders sein, auch warnende Worte. Von Menschen mit erhobenen Zeigefingern, die dem dreistämmigen Gebilde eine ganz und gar unheilvolle Zukunft voraussagten. Vandalismus befürchtend, meinten sie: „Das wird nicht lange gut gehen“.

Doch es ist gut gegangen. Nur ein einziger Vandale hat in den vergangenen zwölf Monaten am und im Bücherbaum gehaust: Ptinidae. Ein Poch- und Klopfkäfer, in diesem Fall ein gemeiner Bücherwurm. „Eines Tages lag da jede Menge Holzmehl auf dem Boden“, erinnert sich Mentorin Monika Tischer. Die Mannen vom Bauhof haben den Täter als Bücherwurm identifiziert. „Der Wurm hat uns unterwandert“, muss Tischer schmunzeln. Zum Glück aber habe er dann schnell aufgegeben.

Treuer waren da im ersten Jahr schon die Bücherbaum-Fans. „Das Angebot wurde unheimlich positiv aufgenommen. Manche haben sogar gefragt, ob man so einen Baum nicht zusätzlich noch woanders in Pfullingen aufstellen könnte“, berichten die Frauen von der Mentorenwerkstatt. Doch ein weiterer Standort in den Außenbereichen der Stadt, das sei nicht der Sinn der Sache. Denn die drei Stämme, in die der Bauhof einst neun Einstell-Kästen gezimmert hat, sollen auch ein zentraler Treffpunkt sein. Eine Anlaufstelle für alle, die nicht nur gern lesen, sondern auch gern mal ein Pläuschchen halten. „Manche Leute setzen sich auch auf die Bank direkt neben dem Baum und schmökern“, hat Gunhild Auer schon beobachtet. Überhaupt sei der Platz vor der Martinskirche sehr stark frequentiert. „Eigentlich sind immer Leute hier, die Bücher einstellen oder welche mitnehmen“, so Tischer. Ein Mädchen komme sogar regelmäßig mit ihrem kleinen Bruder her, um ihm noch an Ort und Stelle vorzulesen.

Die neun Kästen sind immer gut gefüllt. Und das nicht nur mit Konsalik- und Kishon-Werken, sondern auch mit Krimis, Kinder- und Jugendbüchern und Ratgebern. Selbst der „Wanderführer Eifel“ hat den Weg in die Baumstämme gefunden. Ein Dorn im Auge ist den Mentorinnen da allenfalls, dass manche Leute die Bücher nicht richtig in die Kästen schieben und das Papier dann nass wird. Ansonsten aber würden sich die Pfullinger vorbildlich verhalten. „Ein Mann kommt sogar regelmäßig her und ordnet die Bücher. Ja, er lernt sogar die Titel auswendig“, berichtet Annette Herrmann. Wobei das Auswendiglernen schon eine kleine Meisterleistung ist, angesichts dessen, dass die Bücher praktisch permanent in Bewegung sind, beinahe täglich durchwechseln.

„Das ist Leben drin“, freut sich Mentorin Tischer. Und als eine Frau vorbeikommt und sagt, dass der Bücherbaum „die beste Idee in ganz Pfullingen ist“ – da strahlen die Initiatorinnen. „Selbst in die Stadtführungen wird der Bücherbaum einbezogen“, sind sie stolz. Und Nachahmer in umliegenden Gemeinden habe man auch schon gefunden.

Dass der Bücher- manchmal auch zum Kuscheltier-, CD- oder Schokoladennikolaus-Baum wird, lässt die Mentorinnen – neben Tischer, Auer und Herrmann sind das Eva-Maria Gümbel, Karin Seelhorst und Waltraud Jeurissen – lächeln. „Und das Beste ist, dass die Kuscheltiere oder die Schokolade dann von anderen gleich wieder mitgenommen werden“. Die stämmige Tauschbörse funktioniert also nicht nur mit Literatur.

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