Einmal Michael Donth über die Schulter schauen

Was machen die gewählten Volksvertreter im fernen Berlin? Mehrmals im Jahr haben politisch interessierte Bürger aus dem Wahlkreis die Möglichkeit, ihren Abgeordneten über die Schulter zu schauen.

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Konzentriert: Abgeordneter Michael Donth im Plenarsaal.  Foto: 

Jeder Abgeordnete des Deutschen Bundestages (MdB) hat die Möglichkeit, auf Kosten des Informationsamtes der Bundesregierung politisch interessierte Bürger aus dem jeweiligen Wahlkreis nach Berlin einzuladen. Der Landkreis Reutlingen wird dort derzeit von den Abgeordneten Beate Müller-Gemmeke (Grüne) und Michael Donth (CDU) vertreten.

Letzterer hatte kürzlich knapp 50 Bürger aus dem Wahlkreis 289 zu Gast in Berlin, die während der viertägigen Reise viel Interessantes und Wissenswertes erlebten. So hatten die Älbler im Alter von 25 bis 80 Jahren letztmalig die Möglichkeit, das Bundesinnenministerium, den Amtssitz von Thomas de Maizière (CDU), in Alt-Moabit zu sehen. Ende des Monats ziehen er und seine rund 1500 Mitarbeiter, die derzeit noch in drei Gebäuden untergebracht sind, in den Neubau in der Nähe des Kanzleramtes um.

Apropos Kanzlerin: Angela Merkel (CDU), ihren Stellvertreter Sigmar Gabriel (SPD) und Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) bekam die Gruppe aus dem Landkreis Reutlingen ebenfalls zu sehen. Und zwar bei der Plenarsitzung im Bundestag, die sie eine Stunde lang von der Besuchertribüne aus verfolgen konnte. Danach ging es auf die rund 23 Meter hohe und 40 Meter breite Kuppel des Reichstagsgebäudes. Schade, dass die Sicht über die Bundeshauptstadt wegen des Regens etwas eingeschränkt war. Bei einem Besuch im Bundesrat erfuhren die Gäste, dass der Bundesratspräsident oft als "Nummer zwei" nach dem Bundespräsidenten angesehen wird. "Eine verbindliche Festlegung der protokollarischen Platzordnung gibt es jedoch in der Bundesrepublik Deutschland nicht", informierte der Mann des Besucherdienstes. Baden-Württemberg stellte von 2012 bis 2013 mit Winfried Kretschmann (Grüne) den letzten Präsidenten des Bundesrates. Das nächste Mal ist das Ländle 2028 wieder an der Reihe. Der Landesvertretung Baden-Württembergs in Berlin wurde von den Bildungsreisenden ebenfalls ein Besuch abgestattet. Dort gibt es seit Neuestem einen Raum mit dem Namen "Schwäbische Alb". Das Brandenburger Tor, der Alexanderplatz, der Amtssitz des Bundespräsidenten (Schloss Bellevue), der Gendarmenmarkt, das Holocaust-Mahnmal, den Checkpoint Charlie, die East Side Gallery und vieles mehr gab es bei der Stadtrundfahrt zu sehen.

Für die meisten Älbler ging der Besuch in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt der Stasi in Berlin-Hohenschönhausen an die Nieren. Dort gab es Einblicke über die menschenunwürdigen Haftbedingungen. Gilbert Furian, der vor 30 Jahren Demütigung, Schlafentzug und Isolationshaft am eigenen Leib erlebte, führte die Gruppe durch den Zellentrakt. Sein "Verbrechen" damals: der heutige 70-Jährige führte Interviews mit Punks aus Ost-Berlin, die er dann in einer Broschüre veröffentlichte. Zuerst saß der Hobbyjournalist sieben Monate in Untersuchungshaft, bevor er dann zu zwei Jahren und zwei Monaten Gefängnis im "Haus des Terrors", wie er Hohenschönhausen nennt, verurteilt wurde.

Natürlich hatten die Teilnehmer der politischen Bildungsreise die Möglichkeit, den Abgeordneten Donth über seine Arbeit in Berlin auszufragen. Sie erfuhren, dass es pro Jahr 22 Sitzungswochen im Parlament gibt. Sonntagabends fliegt er dann an die Spree, am Freitagnachmittag geht es wieder zurück auf die Alb. In den sitzungsfreien Wochen sind Infoveranstaltungen, Besuche und viele Gespräche in den Kommunen zwischen Zwiefalten und Pliezhausen sowie Sonnenbühl und Römerstein angesagt.

Auch wenn man im Fernsehen oft nur wenige Politiker im Plenum sitzen sieht, haben Politiker viel zu tun, versicherte Donth, der den Ausschüssen "Verkehr und digitale Infrastruktur" und "Tourismus" angehört. "Und diese Ausschüsse tagen meistens parallel mit dem Plenum", so Donth, der bislang fünf Mal am Rednerpult im Bundestag gesprochen hat. Auf die Frage, was ihm besser gefalle, Schultes in Römerstein gewesen zu sein oder die Arbeit als MdB, antwortete er salomonisch. "Ich kann es nicht sagen, was schöner ist. Beides hat ein Für und Wider." Es freue ihn, dass er weiterhin als Kommunalpolitiker, als Kreisrat im "schönsten Landkreis der Alb", in der Heimat mit dabei ist.

Wer jetzt Interesse bekommen hat, auch einmal MdB Donth in Berlin über die Schulter zu schauen, muss sich gedulden. "Wir haben eine Warteliste bis Ende 2016", weiß der Abgeordnete aus Zainingen, der vom 20. bis 24. April wieder in seinem Büro im Jakob-Kaiser-Haus zwischen Reichstag und Brandenburger Tor anzutreffen ist. Weitere Fotos gibt es unter www.swp.de/reutlingen/bilder/ zu sehen.

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