Eine Übung in Leidenschaftlichkeit

Fast so feurig wie Paprika: der ungarische Jahresauftakt der Philharmonie mit Operetten-Csárdás bis zum Abwinken, serviert von Frank Zacher als Gastdirigent, garniert mit Sopranistin Tonje Haugland.

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Die norwegische Sopranistin Tonje Haugland wusste beim Neujahrskonzert der Württembergischen Philharmonie in der Friedrich-List-Halle zu überzeugen. Foto: Susanne Eckstein

Der Jahresbeginn ist bei der Württembergischen Philharmonie Reutlingen stets zweigeteilt. Das eigentliche Neujahrskonzert mit gewichtigerem Anspruch findet im Januar statt, der "leichtere" so genannte Jahresauftakt an Neujahr. Der stand dieses Mal unter dem Motto "Eljen a Magyar - Es lebe Ungarn!"; ein Motto, das gerade Kulturschaffenden angesichts der dortigen aktuellen Entwicklungen nicht so leicht von den Lippen gehen dürfte. Das Programm war eine Hommage an das märchenhafte Ungarn der Filme und Operetten, wo der Zigeunergeiger schmachtet und die Csárdásfürstin von Heimweh singt und zu tanzen beginnt - Projektionsfläche für Gefühle, aber auch Gelegenheit, Nostalgie zu pflegen und das Temperament auflodern zu lassen. Mit echter ungarischer Folklore hat derlei bekanntermaßen wenig zu tun.

Kein Klischee wurde ausgelassen. All die ungarischen Salon-Tanzfolgen nach Csárdás-Art einschließlich Franz Lehárs "Zigeunerliebe"-Ouvertüre, von denen eine ganze Reihe geboten war, folgen demselben Muster: Langsamer Vorspann voll verhaltener Leidenschaft und düsterer Melancholie, danach Beschleunigung zum ansteckend bewegungsfreudigen Tanz-Abschnitt. Das Tonmaterial: Zigeuner-Moll, der Rhythmus in stereotyper Weise synkopiert. Herkunft: meist Operette und mehr oder weniger mit Ungarn assoziierte Filmmusik ("Ich denke oft an Piroschka", "Ladies in Lavendel"), als naiv-beschwingter Kontrast diente die "Dorfkinder"-Walzerfolge aus "Der Zigeunerprimas" von Emmerich Kálmán.

Tiefgang wurde offenbar nicht angestrebt, eher ein gefälliger Melodienreigen; die so genannte "Klassik" war durch Johannes Brahms Ungarischen Tanz Nr. 5 vertreten.

Das etwas verkleinerte und teilweise umbesetzte Orchester unterzog sich der Pflichtübung in Leidenschaftlichkeit unter dem energischen und lebhaften Dirigat von Frank Zacher ohne allzu viel Überschwang. Es musizierte (meist) sauber und akkurat, locker und leichtfüßig, die Soli kamen zuverlässig.

Der Glanzpunkt des Abends war die Gast-Solistin: die norwegische Sopranistin Tonje Haugland. Sie erfüllte die Erwartungen an die leidenschaftliche Csárdásfürstin der gleichnamigen Operette genauso überzeugend wie die an die Zigeunerin Saffi aus dem "Zigeunerbaron", deren düsteren Warnungen ("Habet acht!") sie vibrierende Ausdruckskraft verlieh. Brauchte sie wirklich ein Mikrofon? Ihre strahlende Erscheinung, ihre in allen Lagen üppige, mühelos sich aufschwingende und voll aufblühende Mezzostimme und ihre angemessen dosierte und zur Schau gestellte Heißblütigkeit gewannen ihr rasch die Sympathien des Publikums.

Ihr zur Seite fungierte Konzertmeister Fabian Wettstein als Solo-Zigeunerprimas, was ihm viel Applaus einbrachte, sein eigentliches Können aber eher verschleierte. Gegen Ende wurde die Philharmonie zum gehobenen Tanzorchester, mit dem "Maske in Blau"-Medley brachten die Schlagwerker frischen Wind in all das düstere Schmachten und Sehnen.

So etwas wie orchestraler Überschwang stellte sich mit der Zugabe ein: der Strauß-Polka "Ohne Sorgen", in der die "Ha"-rufenden Musiker mehr Feuer und Spielfreude zeigten als im ganzen vorangegangenen Programm. Auch Tonje Haugland war noch zu einer Zugabe bereit, bevor der "ungarische" Neujahrs-Spätnachmittag mit dem obligatorischen Radetzky-Marsch unter dem Jubel des Publikums endete.

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