Eine Tonfigur für jedes Opfer

18. Januar 1940. Vor 75 Jahren begannen die Gräueltaten im Konzentrationslager von Grafeneck. Den Opfern gedenkt nun eine Ausstellung von Jochen Meyder, die bis 15. Februar in der Pupille zu sehen ist.

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Ein riesiger 100- Punkte-Stempel und Stapel von weißen, mit grauen Punkten bedruckten Standard-Briefpapierbögen liegen in aufgeschlagenen, nach Büro-Manier grau-weiß melierten Kassetten. 10 674 Opfer wurden in Grafeneck gezählt, genau so viele Papierbögen bilden in der Produzentengalerie Pupille, sorgfältig übereinandergeschichtet, einen meterhohen Turm. Hunderte von liegenden Tonfiguren, auf dem Boden dicht und akribisch angeordnet, ergeben die Form eines großen T, erinnern an das ägyptische Lebens-Symbol Anch oder auch an das christliche Kreuz. Wie Rauchfahnen schweben darüber Reihen von zarten, transparent-weißen Papierfahnen.

Diese Arbeiten sind der erste Teil eines umfangreichen Projektes, einer Werkgruppe, die erst in den nächsten vier Jahren vollendet sein wird: Unter Mitwirkung seiner Lebensgefährtin Annegret Schock wird Jochen Meyder viele, sehr viele weitere solche Tonfiguren mit individuellem Ausdruck modellieren, brennen und dokumentieren.

Jede für sich wird er - mit seinen auf Papierbögen gedruckten Gedanken - in Kassetten archivieren. So lange, bis die genaue Anzahl von 10 674 erreicht ist. Jedes einzelne Stück wird für ein Schicksal stehen, jedes für ein Kind, eine Frau, oder einen Mann. Einer von insgesamt 10 674 Menschen, die in Grafeneck ihr Leben verloren. Und dies innerhalb der kurzen Zeitspanne eines knappen Jahres: zwischen 18. Januar und 20. Dezember 1940.

Systematisch, geradezu industriell, wurden die behinderten Menschen hier umgebracht: Auslöschen "unwerten Lebens", so nannten es die NS-Machthaber damals. Und genauestens wurde darüber Buch geführt. Jochen Meyders Geburtsjahr 1940 und die unmittelbare Nachbarschaft der früheren Anstalt und heutigen Gedenkstätte Grafeneck zu seinem Wohnort Dottingen - das sind die Ecksteine, welche den Bildhauer mit dieser Geschichte ganz persönlich verbinden, ihn zu dem umfangreichen Projekt motivieren.

Viel eindrücklicher und klarer als Worte und Reden, vermag die bildende Kunst die unbegreifliche Dimension dieses Schreckens erfahrbar zu machen, sagt Thomas Stöckle, Historiker und Leiter der 1995 eröffneten Gedenkstätte Grafeneck. Der Künstler Jochen Meyder selbst hat als zugezogener Lehrer erst Anfang der 80er Jahre von den grauenhaften Geschehnissen in Grafeneck erfahren.

Umso intensiver setzte er sich seither mit der wissenschaftlichen Erforschung der Euthanasie im Dritten Reich auseinander. Wenn diese Werkgruppe dereinst fertiggestellt ist, wird sie in Grafeneck erneut ausgestellt.

Jeder Besucher darf dann von dort eine der Figuren mit nach Hause nehmen und damit eine Art Patenschaft für dieses Opfer eingehen. So lange, bis der Berg abgetragen ist. Eine Art Requiem. Und ein anschauliches Stück Sühnearbeit.

Öffnungszeiten

Ausstellung mit Arbeiten von Jochen Meyder in der Produzentengalerie Pupille, Peter-Rosegger-Straße 97, Reutlingen - bis 15. Februar. Öffnungszeiten Freitag, Samstag, Sonntag 15 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung Telefon: (0 73 81) 3004.

SWP

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