Eine Sache der Pietät

Vor 169 Jahren starb Friedrich List in Kufstein. Eine kleine Briefsammlung, die unlängst durch das Reutlinger Stadtarchiv erworben werden konnte, gibt einen interessanten Einblick in das Entstehen der ersten Werkausgabe Friedrich Lists nur wenige Jahre nach seinem Tod.

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Vor 169 Jahren starb Friedrich List in Kufstein. Eine kleine Briefsammlung, die unlängst durch das Reutlinger Stadtarchiv erworben werden konnte, gibt einen interessanten Einblick in das Entstehen der ersten Werkausgabe Friedrich Lists nur wenige Jahre nach seinem Tod.

Die sieben Schreiben sandte der Heidelberger Historiker, Publizist und Politiker Ludwig Häusser (1818-1867) überwiegend 1849 und 1850 an Lists älteste Tochter Emilie (1818-1902) in die Münchner Amalienstraße. Häusser hatte sich zu dieser Zeit weniger als Historiker sondern als politischer Publizist einen Namen gemacht. Seine Beiträge erschienen vielfach in der damals bedeutenden Augsburger "Allgemeinen Zeitung", deren Redakteur Gustav Kolb (1798-1865) wiederum ein enger Freund der Familie List war. Auf diesem Weg dürfte der Kontakt zwischen Emilie List und Häusser zustande gekommen sein.

Gleich mit dem ersten Brief vom 16. Januar 1849 werden die dramatischen Zeitumstände deutlich. In Deutschland wogte das Ringen um eine Fortführung der bürgerlichen Revolution von 1848/49. Wenige Monate zuvor hatten kaiserliche Truppen das von Studenten, Bürgern und Milizionären gehaltene Wien unter beträchtlichem Blutzoll zurückerobert. Prominentes Opfer war der am 9. November 1848 füsilierte Abgeordnete der Frankfurter Paulskirche, Robert Blum - ein Fanal, das die weitere Entwicklung in ganz Deutschland beeinflusste. Anscheinend hatte sich Emilie zeitweise in Wien aufgehalten, denn der Heidelberger Gelehrte zeigte sich über ein erhaltenes Lebenszeichen höchst erfreut, da er bereits gefürchtet hatte, dass die "Wiener Katastrophe" auch sie in Mitleidenschaft gezogen haben könnte.

Zweck des Briefwechsels war jedoch nicht der private Austausch, sondern die Herausgabe der wichtigsten Schriften des 1846 in Tirol aus dem Leben geschiedenen Vaters samt einem umfassenden, aus den Quellen erarbeiteten Lebensbild. Kaum ein Jahr nach Lists Tod war die Familie auf Häusser zugegangen und stellte ihm großzügig einen Koffer voller Dokumente zur Verfügung. Bei diesen Papieren handelte es sich im Kern um nichts anderes als um das heutige List-Archiv, einem der herausragenden Schätze des Reutlinger Stadtarchivs.

Der Heidelberger Historiker arbeitete mit Herzblut an einem Werk, das nach heutigen Begriffen Zeitgeschichte in Reinform darstellte, die Geschichte eben, an die sich Zeitgenossen noch erinnern konnten. Emilie gegenüber versicherte Häusser ". . . daß mir die Angelegenheit ein Gegenstand gleicher Pietät am Herzen liegt wie Ihnen selbst". Aus den Briefen - die übrigens nicht mehr als zwei Tage von Heidelberg nach München benötigten - geht hervor, dass sich Häusser und Emilie List gemeinsam bemühten, gerade die frühen Jahre Lists, die sonst nirgendwo dokumentiert waren, durch Berichte von Zeitzeugen zu ergänzen. Die bekannten und immer wieder ob ihrer farbenfrohen Schilderung gerne herangezogenen Erinnerungen von Lists Jugendfreund August Merkh, dem späteren Reutlinger Bürgermeister, gehen eben auf jene Zeit zurück. Geschichtsschreibung ohne eigenen klaren Standpunkt war Häussers Sache nicht. Lists Stuttgarter Abgeordnetenzeit, sein Konflikt mit dem König und der württembergischen Beamtenschaft, schließlich die Haft auf dem Hohenasperg erscheinen in den Briefen als "Tendenzprozess" und die "abscheuliche Württemberger Geschichte".

Materialsammlung indes war das eine, die Publikation das andere. Es schien angesichts alter Verbindungen naheliegend, auf den Stuttgarter Verlag Georg von Cottas zuzugehen. Der vorsichtige Verleger bremste wohl den Schaffenseifer Häussers etwas und wollte zunächst nur an die Herausgabe von zwei Bänden mit den einschlägigsten Schriften heran. Nach dem Erscheinen der beiden ersten Bände wurde 1851 dann noch die ohnedies bereits früher bei Cotta erschienene zentrale Schrift Lists "Das nationale System der politischen Ökonomie" hinzugefügt. Im letzten Brief fiel die Bilanz nach Verlagsauskunft allerdings ernüchternd aus. "Die allgemeine Erschlaffung in Deutschland", so Häusser, erkläre vielleicht das begrenzte Interesse an dem Werk, so dass eine Erweiterung für den Moment nicht in Frage kam. Der Koffer gelangte nach München zurück und Jahrzehnte später im Wege einer großherzigen Schenkung Emilie Lists an die Stadt Reutlingen. Dort immerhin hatte das Werk des Historikers Eindruck gemacht. Häusser wurde in den erweiterten Vorstand des Denkmalkomitees gewählt, dessen Ziel es war, List in Reutlingen ein bleibendes Erinnerungszeichen zu setzen. Die Einweihung der heute noch an Ort und Stelle befindlichen Skulptur des Dresdener Bildhauers Gustav Kietz erfolgte dann 1863.

Zusammen mit dem in Heidelberg verwahrten Nachlass Häussers und dem Verlagsarchiv Cotta im Deutschen Literaturarchiv in Marbach liegt nun mit dem jüngsten Neuzugang des Listarchivs eine hervorragende Quellenüberlieferung zur frühesten wissenschaftlichen Beschäftigung mit Reutlingens größtem Sohn vor. Die Briefe sind nun im Lesesaal des Stadtarchivs einsehbar.

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