Eine Lohnerhöhung für alle!

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Von den beiden Mädels können Angela Merkel und Martin Schulz lernen, wie man einen Wahlkampf richtig aufzieht. Jana und Lorena haben nicht nur Versprechungen gemacht, sie haben sie auch gehalten. Den Lohn für alle um einen Burzel erhöhen? Umgesetzt! Rauf mit der WG-Miete von zwei auf drei Burzel? Auch da folgten Taten! Die beiden elfjährigen Reutlingerinnen scheinen das Polit-Geschäft schon bestens zu beherrschen. Nicht umsonst waren sie in den vergangenen beiden Wochen schon zum wiederholten Mal Bürgermeisterinnen in der elternfreien Zone. Die liegt in Rommelsbach auf einer Wiese neben dem Bildungszentrum Nord und wird Jahr für Jahr für die Dauer der gesamten Sommerferien von der Stadt Reutlingen in Kooperation mit den Technischen Betriebsdiensten neu aufgebaut.

20 Großzelte, in denen die Wohngemeinschaften leben und arbeiten, ein Zirkuszelt, Verpflegungsstände und Bauwagen gehören dazu. Rund 420 Kinder kommen hier jeden Sommer her, verteilt auf drei Gruppen zu je 140 Jungen und Mädchen, die immer für zwei Wochen zusammen sind und dabei weit mehr erleben, als nur ein bisschen Stadtranderholung und Ferienprogramm. Die Zeit, die sie hier verbringen, ist als Großgruppen-Planspiel angelegt. Weshalb die Sieben- bis Elfjährigen nicht nur in Wohngemeinschaften leben, sondern auch einer Arbeit nachgehen. Sie sind Schreiner, Reporter, Müllmänner und üben alle nur erdenklichen Berufe aus. Dafür gibt‘s Lohn, den sie in ihrer Stadt – Burzelbach genannt – ausgeben und mit dem sie ihre Miete bezahlen können. Und: Es gibt nicht nur eine Bank, sondern neben den Bürgermeisterinnen auch einen Gemeinderat. Der hat heuer gleich mehrfach getagt, um dann eine revolutionäre Neuerung zu beschließen: Die Einführung einer Krankenversicherung für alle. „Jetzt müssen die Bürger für die Impfung nichts mehr bezahlen“, erklärt Lorena, die zusammen mit den anderen Kommunalpolitikern auch noch einen Bußgeldkatalog aufgestellt hat. Grenzen überschreiten: Dafür muss der Täter zwei Burzel zahlen. Wer Geld fälscht, bekommt keinen Lohn mehr und noch eine Strafe obendrauf. Und fürs „Ausdrücke sagen“ werden in der Kinderspielstadt schon mal zehn Burzel berappt.

Angesichts von so viel Weitsicht und politischem Sachverstand konnte Ulrich Schubert vom Amt für Schulen, Jugend und Sport der Stadt Reutlingen bei seinem Burzelbach-Besuch in der vergangenen Woche nur staunen. Er nahm die Einladung zum Stadtfest schon deshalb gern an, „weil die Kinder hier immer ganz neue Ideen haben, die sie dann auch umsetzen“. Alles, was hier passiere, gehe von den Jungen und Mädchen selbst aus. „Und die Ehrenamtlichen erleben die Kinder hier als Menschen mit einem eigenen Kopf“, so Schubert mit Blick auf die 30 freiwilligen Helfer, die Tag für Tag von früh bis spät auf den Beinen sind. Was den Jungen und Mädchen an Burzelbach so gefällt – das wollte Schubert von Jana und Lorena bei einer kleinen Talkrunde beim Stadtfest wissen. „Die Kinder sollen hier einfach Spaß haben und merken, dass es klasse ist, wenn man mit anderen zusammenleben kann“, waren sich die beiden einig. Was der Zielsetzung, die die Stadt Reutlingen für Burzelbach im Sinn hat, schon ziemlich nahe kommt. Die Kinder sollen in dem Planspiel nämlich Einsicht in soziale Zusammenhänge bekommen, Regeln im Umgang miteinander begreifen und wirtschaftliche Kontexte erkennen.

Wobei auch in Burzelbach das Leben nicht nur aus Arbeiten und Lernen besteht. Eine Talentshow, eine Disko, ein Markt der Möglichkeiten zum Bummeln und Einkaufen – auch das gehört zu der Mini-Kommune. In der beim Stadtfest übrigens nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern und Großeltern zusammen feierten. Nicht mal lausige 14 Grad und Nieselregen konnten die Stimmung trüben. Schließlich gibt‘s in der Planspielstadt auch flauschige Pullis, Gummistiefel und Regenjacken.

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