Eine Ahnung von der Unendlichkeit

Weltuntergangsstimmung versprach der musica-nova-Abend mit dem Motto "Das Ende der Zeit"; es musizierten Mitglieder der Württembergischen Philharmonie Reutlingen und die Pianistin Shoko Hayashizaki.

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Derzeit kommen in der musica-nova-Reihe verstärkt Musizierende von hier zum Zuge: Das Auftaktkonzert im Oktober wurde vom künstlerischen Leiter Michael Hagemann - als Einspringer - mitgestaltet, Klavierpartnerin Shoko Hayashizaki an seiner Seite. Sie übernahm nun den Klavierpart in der gemeinsam mit den WPR-Musikern Stefanie Nedwed (Klarinette), Mariette Leners (Violine) und Christoph Bieber (Violoncello) gebildeten Quartettbesetzung.

Manchmal steht Musik auf Messers Schneide: kommt sie zustande oder nicht? Musste schon das vorige Konzert umdisponiert werden, stand nun das zweite doppelt in Frage: Zum einen stellte sich bei den Proben heraus, dass das vorgesehene Auftragswerk überarbeitet und auf 2016 verschoben werden muss, zum andern stürzte eine Stunde vor dem Konzert ein Quartettmitglied von der Spitalhoftreppe - zum Glück ohne schwerwiegende Folgen.

Auch die Entstehung der zwei verbliebenen Programmpunkte war nicht selbstverständlich. Sowohl Paul Hindemith wie Olivier Messiaen trotzten ihre Quartette für Klarinette, Violine, Cello und Klavier den Zeitumständen ab; der eine, als "entartet" diffamiert, 1938 kurz vor der Emigration, der andere 1940/41 als Kriegsgefangener in Görlitz.

Etwas von dieser fragilen Atmosphäre wurde auch in der Interpretation spürbar; das Sensorium der vier Musiker schien geschärft für die Kostbarkeit des Augenblicks. Hindemiths Klarinettenquartett widmeten sie sich in konzentriertem, ausgewogenem Zusammenspiel, zu Beginn noch etwas tastend, im Verlauf der Sätze mit wachsender Überzeugungskraft. Sie vermittelten die Botschaft des früheren "Bürgerschrecks" differenziert, verhalten und gefühlvoll, nicht als polyphones Handwerk, wie man es von Hindemith zu kennen glaubt, sondern als atonale Spätromantik, in die - auch wenn weder Titel noch Kommentar über den Noten stehen - sehr wohl die Notlage eingeschrieben ist, hörbar gemacht in dunklen, fahlen Färbungen und mehrdeutigen Zwischentönen, kontrastiert durch verdichtete Kraft.

"Quatuor pour la fin du temps", "Quartett für das Ende der Zeit" nannte Messiaen seine später berühmt gewordene Komposition aus dem Gefangenenlager. Das Stück spiegelt Messiaens Verwurzelung in mystischem Glauben: Als Motto verwendet er Bilder aus der Apokalypse des Johannes, verbunden mit eigenen synästhetischen Gedanken, formuliert in einem gedruckt ausgegebenen Werkkommentar.

Klangbewusst und gleichsinnig eröffneten die vier Spieler Messiaens Welt, die mit ihren Bildern von Vögeln, Engeln und wirbelnden Regenbogen der trostlosen Situation weniger zu entsprechen als zu entfliehen scheint. Die ausgedehnten Solo-Kantilenen erschienen als zurückhaltende wie ausdrucksstarke Meditationen. Unendlicher Atem und endloser Bogenstrich vermittelten eine Ahnung der Ewigkeit; die Intensität des Musizierens ging bis an die Grenzen, ohne es zu dramatisieren. Das "Ende der Zeit" erschien so nicht als Aufhören, sondern als Aufhebung der Zeit im Augenblick.

"Hart wie Stahl" will Messiaen den "Tanz des Zorns"; doch in das brutale Unisono schlich sich Wärme und Gefühl, das auch den "Aufstieg des Menschen zu Gott" zu einem beeindruckenden Erlebnis machte.

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