Ein Urgestein sagt servus

Der Nachfolger ist gewählt, derzeit räumt Gert Bauer sein Büro im ehemaligen Hamburg-Mannheimer-Hochhaus auf. Am Freitag wird der langjährige Erste Bevollmächtigte der IG Metall verabschiedet.

|
 Foto: 

„Mir geht’s wunderbar“, sagt Gert Bauer auf seine Gefühlslage angesprochen. Übermorgen wird der langjährige Erste Bevollmächtigte der IG Metall, Verwaltungsstelle Reutlingen-Tübingen, in den Ruhestand verabschiedet. Insgesamt drei Jahrzehnte engagierte sich der 65-Jährige für Belange der größten Einzelgewerkschaft, ihrer Mitgliedern und der Arbeitnehmer in Metall- und Elektrobetrieben. Dabei war Bauers Weg auf einen wichtigen Posten der IG Metall alles andere als vorgezeichnet. 1970 hatte der gebürtige Bamberger angefangen, in Erlangen Jura und in Nürnberg Soziologie und Volkswirtschaftslehre zu studieren. 1971 wechselte er dann nach Tübingen und begann Deutsch und Geschichte auf Lehramt zu studieren. Eine Rolle mag auch gespielt haben, dass er ein Jahr zuvor seine Frau Agnete bei einem Treffen des Deutsch-Französischen Jugendwerks in Paris kennen gelernt hatte. 1971 heirateten die beiden.

1976 schloss Bauer sein Studium mit 1,5 ab – der Weg in die Schuldienst schien vorgezeichnet. Allerdings fiel Bauer unter den „Radikalenerlass“ – Kultusministerium und Oberschulamt lehnten eine Einstellung des Bambergers ab, der 1971 von der SPD zur Deutschen Kommunistischen Partei (DKP )gewechselt war. Nach diesem Berufsverbot begann er 1977 bei der Gießerei Ammer in Reutlingen, ein Jahr später war er dort Betriebsratsvorsitzender. Dank seines guten Kontakts zum damaligen Bezirksleiter Franz Steinkühler wechselte er 1984 von Ammer zur IG Metall. 1997 wurde Bauer, der 1985 aus der DKP ausgetreten war, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall, zwei Jahre später wurde er nach Wolf-Jürgen Röders Weggang Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Reutlingen-Tübingen – eine Position, die er bis Ende vergangenen Jahres ausübte.

Was hat sich in den vergangenen drei Dekaden in der Gewerkschaftsarbeit verändert? Zunächst einmal, konstatiert Bauer, habe die Arbeit für hauptamtliche Gewerkschaftsmitarbeiter und Betriebsräte deutlich zugenommen – und das obwohl die Verwaltungsstelle ordentlich ausgebaut wurde. Heute arbeiten für die IG Metall in Reutlingen sieben politische Sekretäre, fünf Verwaltungsangestellte und vier Rechtsberater.

Aber auch die Inhalte der Gewerkschafts- und Betriebsratsarbeit hätten sich verändert. Ging es früher vor allem um Lohnsteigerungen und verbesserte Arbeitsbedingungen, drehe sich heute alles um den Erhalt von Arbeitsplätzen, sagt Bauer und erinnert an die Auseinandersetzungen bei Hugo Boss in Metzingen und bei Automotive Lighting in Reutlingen. Der Gewerkschafter erinnert sich noch gut daran, wie bei Wafios und Dr. Förster Mitte der 90er Jahre die ersten Tarifverträge abgeschlossen wirden, die Lohneinbußen und verlängerte Arbeitszeiten vorsahen. Das Vorgehen habe sich gelohnt, bilanziert Bauer.

Derzeit verfügt die IG Metall über rund 15 500 Mitglieder – darunter 12 000 aktiv Beschäftigte – in den beiden Landkreisen Reutlingen und Tübingen. Insbesondere in den Großbetrieben sei der Organisationsgrad hoch. Allerdings kritisiert Bauer die Trittbrettmentalität mancher Arbeitnehmer, die sich nicht in der Gewerkschaft engagierten, aber die erkämpften Errungenschaften gerne mitnähmen.

Das Verhältnis zu Dr. Stefan Wolf, Elring-Klinger-Vorstandsvorsitzender und Präsident des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, bezeichnet Bauer als gut: „Immer wenn wir Wege finden mussten, haben wir welche gefunden.“

Langweilig wird es Bauer im Ruhestand nicht werden. Der Gewerkschafter hat sich vorgenommen, Italienisch und auch Türkisch zu lernen. Zudem will er gemeinsam mit seiner Frau öfter mal nach Frankreich, Italien oder in die Türkei fahren. Daneben plant er Beratungen für Arbeitnehmer und Betriebsräte anzubieten, zudem wird der passionierte Hobbykoch im Sommersemester einen Kurs über das Pastetenbacken an der Volkshochschule anbieten. Und auch die 14-monatige Enkelin Sophie Elisa soll in Zukunft verstärkt zu ihrem Recht kommen. Und wenn er dann noch Zeit habe, könne er diese ja in die SPD stecken, hat ihm Wirtschafts- und Finanzminister Nils Schmid schon mit auf den Weg gegeben. Schmid wird neben Wolf und IG-Metall-Bezirkschef Jörg Hofmann bei Bauers Verabschiedung am Freitag im Hotel Fortuna sprechen.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ein kleines Wattestäbchen reicht

Bei der Spendenaktion für den zweijährigen Joel bereicherten 1324 Freiwillige mit ihrer Speichelprobe die weltweite Stammzellen-Datei. weiter lesen