Ein Umdenken ist notwendig

Die Zahl der psychischen Erkrankungen ist in den vergangenen Jahren hierzulande enorm angestiegen. Die AOK versucht jetzt mit dem Präventionsprogramm "Lebe Balance" etwas gegenzusteuern.

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Die Psychologin Lisa Lyssenko hat in Zusammenarbeit mit der AOK das Programm "Lebe Balance" ausgearbeitet. Sie erläuterte in ihrem Vortrag auch, wie psychische Gesundheit im Unternehmen ihrer Meinung nach gelingen kann.  Foto: 

Rund 4,8 Prozent aller Diagnosen im Bereich der AOK Neckar-Alb lauteten im vergangenen Jahr auf eine psychische Erkrankung oder Verhaltensstörung. Das sind für Klaus Knoll, Geschäftsführer der hiesigen Bezirksdirektion, alarmierende Werte. Gehen mit den Krankheitsfällen doch durchschnittlich 25,9 Krankheitstage bei den Arbeitnehmern einher.

Weil die Fehlzeiten nicht nur für Unternehmen, sondern auch für die Krankenkassen mit Kosten verbunden sind, hat die AOK in Zusammenarbeit mit dem Institut für wissenschaftliche psychologische Prävention (IWPP) in Freiburg das Programm "Lebe Balance" ausarbeiten lassen. Schließlich sind, wie Klaus Knoll betonte, psychische Erkrankungen "ein Riesenproblem für die Gesellschaft, Arbeitgeber und Krankenkassen".

Lisa Lyssenko, Psychologin und Leiterin des IWPP, stellte am Dienstagabend das Konzept im kleinen Saal der Stadthalle im Rahmen des AOK-Unternehmerforums vor. Und sie hat bereits die vermeintlichen Ursachen für den Anstieg der Erkrankungen ausgemacht.

Denn: "Die Anforderungen in der Lebens- und Arbeitswelt haben sich verändert." Früher sei es nämlich die körperliche Arbeit gewesen, heute sei es die geistige. Der Möglichkeit, den Kopf auszuruhen, kommt laut der Psychologin dabei eine Schlüsselfunktion zu. Und das funktioniere am besten, wenn Konflikte am Arbeitsplatz beziehungsweise in der Familie belassen würden. Nichtsdestotrotz spielen, so Lyssenko, auch die neuen Medien eine Rolle. Tausende Mini-Entscheidungen müssten täglich getroffen werden, wofür immer etwas von der einem zur Verfügung stehenden Gesamtenergie verbraucht werde. Darüber hinaus sei es so, dass immer weniger Menschen immer mehr Arbeit in immer kürzerer Zeit erledigen müssten. Angesichts des globalen Wettbewerbs laute die Frage aber nicht, "wie das Rad zurückgedreht werden soll, sondern wie wir damit umgehen", führte die Psychologin aus Freiburg aus.

"Ein Umdenken in der Führung ist notwendig", erklärte Lyssenko. Wenn Menschen sehr wenige Entscheidungsmöglichkeiten hätten, sei das nicht förderlich für ihre Gesundheit. Die psychische Gesundheit könne wie die körperliche Fitness trainiert werden. Psychische Erkrankungen ließen sich sehr gut behandeln, wenn sie frühzeitig erkannt würden.

Um es gar nicht erst so weit kommen zu lassen, müssten Schutzfaktoren die psychische Gesundheit stärken. Zu denen zählten unter anderem: "Mal einen Schritt zurückzutreten und sich selbst beim Denken zuzuschauen." Zuversicht, Vertrauen anderen Menschen gegenüber, Sinnerfülltheit sowie ein funktionierendes soziales Netz seien weitere Faktoren, die umgesetzt werden müssten, damit Beschäftigte gesund bleiben.

Wie das konkret aussehen könnte, darüber diskutierten anschließend Lisa Lyssenko und Knoll mit Südwestmetall-Geschäftsführer Dr. Jan Vetter und Handwerkskammer-Präsident Harald Herrmann.

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