Ein stiller Pionier und seine Erfindung

Zwei Jahre lang überlebte Else Rall, weil ihr Mann ihr in den Sechzigern zu Weihnachten eine selbst konstruierte künstliche Niere für Zuhause schenkte. Jetzt bekam er die Bürgermedaille.

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Zaghaft sprach der 92-Jährige Karl Rall beim Jahresempfang ins Mikrofon: Seinen "Dank an die Eninger Bürger, die sich an meinem Schicksal beteiligt haben und mir die Kraft dazu gegeben haben". Aus Liebe und Verzweiflung über das plötzliche Nierenversagen seiner Frau Else hatte er in den Sechzigerjahren aus eigenen Mitteln und dem eigenen technischen Know-How eine künstliche Niere für Zuhause gebaut. Einfacher, besser und günstiger als alles, was in den wenigen Dialysezentren Standard war. Gebaut hat der gebürtige Eninger seine Erfindung in der Werkstatt hinter seiner Tankstelle. Geschenkt hat er sie seiner Frau zu Weihnachten. Der Probelauf des Prototypen fand nach gut tausend Baustunden unter den Augen des deutschen "Nierenpapstes" Professor Dr. Hans Sarre statt, damals Leiter des Nierenzentrums am Freiburger Universitäts-Klinikum.

Der bescheinigte der "Rall'schen Niere" eine "hervorragende Qualität und hohe Betriebssicherheit für die Klinik- und Heimbehandlung". Ralls Frau Else hatte nie auch nur den Hauch von Bedenken, dass das technische Wunderwerk nicht funktionieren könnte. Sie starb nach 240 Heim-Dialysen zwei Jahre später an akutem Herzversagen.

Karl Rall wurde in der Entwicklungsphase, die ihn und seine Familie kurz vor den Ruin führte, für kurze Zeit weltberühmt. Er erhielt ein Angebot von der Universität in Tokio, die eines seiner sieben Nachfolgegeräte abnahm. Deutsche Investoren blieben aus. Die künstliche Niere seiner Frau ging nach deren Tod 1969 ans Krankenhaus in Münsingen. Rall erinnert sich, dass die Klinik mangels Spezialisten nicht viel damit anfangen konnte und das Original an das medizinhistorische Museum nach Ingolstadt weitergaben. Die "Meisterleistung eines Amateurs" beeinflusste die technische Entwicklung der modernen Dialyse maßgeblich.

Der Mechanikermeister und Motorenbauer Karl Rall (Jahrgang 1922) baute bei der Deutschen Lufthansa in Böblingen Flugmotoren. Während des Krieges arbeitete er in der Strömungsforschung für Flugboote der See-Erprobungsstelle "Lufthansa-Atlantik" in Travemünde. Nach dem Krieg eröffnet er mit seiner Frau Else in Eningen eine Werkstatt für Küchenuhren, dann eine Autowerkstatt mit Tankstelle und begann, Schiffskörper serienreif zu planen und zu bauen. Rall gründete in Eningen die "Bodensee-Motorboot-Fahrschule."

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