Ein Spiel mit der Wirklichkeit

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Horst Eckert liest in der Stadtbücherei Metzingen. Foto: Jürgen Spiess  Foto: 

Was passierte am 4. November 2011 in Eisenach wirklich? Darum geht es in Horst Eckerts neuem Roman „Wolfsspinne“, ein realistisch anmutender Politthriller um die NSU-Terrorzelle. In der gut besuchten Stadtbücherei stellte der Autor als Gast im Programm des Veranstaltungsrings VRM, sein brisantes Buch vor.

„Wer etwas über die Moral von Menschen erfahren möchte, der schaue sich einfach mal Gerichtsakten genauer an.“ Der in Düsseldorf lebende Krimiautor und Journalist Horst Eckert hat dies getan und rund um den NSU-Komplex und seine monströse Verbrecherserie einen packenden und gut recherchierten Politthriller geschrieben.

Darin geht es um zwei männliche Leichen, die bei Eisenach in einem ausgebrannten Wohnmobil gefunden werden. Die beiden toten Neonazis heißen im Roman zwar nicht Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, aber sofort wird klar, wer gemeint ist. Während die Polizei von Selbstmord ausgeht, tauchen immer mehr Ungereimtheiten auf, werden Spuren verwischt, Akten geschreddert und Beweismittel vernichtet.

Ermittler finden weder die Projektile noch Schmauchspuren an den Händen der Toten, stattdessen liegt am Tatort eine Patronenhülse zuviel, „denn die Tatwaffe, eine Pumpgun, wurde dreimal nachgeladen“. Zudem lässt der zuständige Polizeichef das ausgebrannte Wohnmobil – mit den Leichen – noch vor der Spurensicherung abtransportieren, wohlwissend, dass er damit den Tatort irreparabel verändert.

„Immer war von einer unglaublichen Pannenserie die Rede“, so Horst Eckert, „aber das stimmt nicht, das alles geschah in voller Absicht.“ Eigentlich ist diese Geschichte so hanebüchen und müsste sofort ins Reich der Verschwörungstheorien verbannt werden, wenn die Fakten nicht so klar dagegen sprächen.

Im Unterschied zu dem Stuttgarter Autor Wolfgang Schorlau, der ebenfalls einen viel beachteten Roman über den braunen Sumpf des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) geschrieben hat, bringt Eckert in seinem Thriller eine dritte Person, den Undercover-Mann Ronny Vogt, ins Spiel. Er soll die beiden Neonazis ermordet haben.

Nur dieser V-Mann kennt die Wahrheit, doch er wird vom Verfassungsschutz geschützt und muss schweigen. Während sich der erste Teil des Buches um die Frage dreht, wer und warum am 4. November 2011 die beiden Neonazis erschossen hat und welche Rolle dabei der Verfassungsschutz spielt, ermittelt der Düsseldorfer Hauptkommissar Vincent Veih im zweiten Teil in einem Mordfall an der Promi-Wirtin Melli Franck, der unmittelbar zu der „Aktion Wolfsspinne“ führt und eng mit dem NSU verknüpft ist.

Bevor Horst Eckert mehrere Passagen aus seinem Roman vorliest, geht er zunächst auf die persönliche Geschichte seines Ermittlers Vincent Che Veih ein, dessen linksradikale Mutter in den 70er-Jahren in den Untergrund ging und 20 Jahre im Gefängnis saß. Dieses Trauma verfolgt den kauzigen Ermittler Zeit seines Lebens und holt ihn auch während seiner Ermittlungen im Zusammenhang mit der NSU-Terrorzelle ein. Dem Autor, der seit 1994 14 Romane veröffentlicht hat, gelingt es, einen fiktiven Kriminalfall kongenial mit einem wahren Hintergrund zu verknüpfen und die verschiedenen Zeitebenen und Handlungsstränge stimmig zusammenzuführen.

Er lässt beispielsweise in seinem berührenden Prolog die kleine Tochter eines der NSU-Opfer berichten, wie sie den Mord an ihrem Vater erlebt hat und danach damit klarkommen muss.

Horst Eckert ist auf Nachfrage aus dem Publikum davon überzeugt, dass die beiden Neonnazis keinen Selbstmord verübt haben. Er geht zudem davon aus, dass die wahre Gefahr in unserer Republik nicht von der linken, sondern von der rechten Ecke drohe: „Es gibt nachweislich mehr Neonazis als IS-Sympathisanten in diesem Land.“ Jürgen Spiess

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