Ein Spiel der Gegensätze

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„Italienische Konzerte“ und „Volare“ lautete das Motto beim Auftritt des Ungarischen Kammerorchesters in der Stadthalle. Als Solo-Gast fungierte Cellist Leonard Elschenbroich.

Der große Saal erwies sich erneut als zu weitläufig für den Auftritt eines Kammerorchesters, zumal mit Blick auf die verstreute Platzierung der Zuhörer. Insofern bräuchte man einen weiteren Konzertsaal in „Zwischengröße“ oder eine entsprechende Anpassung im großen Saal. Ein nur teilweise besetztes Auditorium – auch wenn alle Kammermusik-Freunde da sind – kann sich negativ auf die Atmosphäre auswirken. Wie fühlen sich Musiker vor halbleeren Reihen?

So gesehen kann man es verstehen, wenn sich die Musizierfreude des Ungarischen Kammerorchesters (16 Streicher/innen) in Grenzen hielt. Mit diskreter Noblesse und feinsinniger Routine stellte es zum Auftakt Hugo Wolfs „Italienische Serenade“ in den Raum, danach Gioacchino Rossinis sechste Streichersonate. Die Streicher musizierten ohne Dirigenten, und dies durchweg diszipliniert und akkurat. Als Einsatz- und Impulsgeber fungierte Konzertmeister Béla Bánfalvi (der künstlerische Leiter Kristóf Baráti fehlte offenbar).

Das einzige „italienische Konzert“ im engeren Sinn wurde vorgezogen: das Violoncellokonzert g-Moll (RV 416) von Antonio Vivaldi; die Streicher wurden stilgerecht durch einen Cembalisten ergänzt, den Solopart übernahm Leonard Elschenbroich. Sein Spiel erwies sich als exponierter Gegenpol zu der zurückhaltenden Manier des Orchesters: Er gestaltete seinen Solopart als leidenschaftliche Caprice; sein Cello wurde zur nervösen Diva, die der Begleitmannschaft geradezu einzuheizen und sie anzutreiben versuchte. Die sich anschließenden „Moses-Variationen“ von Paganini über ein Thema von Rossini sind eigentlich für Violine geschrieben und erfordern teufelsgeigerische Fähigkeiten. Genau die bewies Elschenbroich am Cello; dabei überzeichnete er all die halsbrecherischen Sprünge und Figurationen mit launiger Ironie. Die begeisterten Bravo-Rufe waren berechtigt.

Nach der Pause folgte Giuseppe Verdis einziges Streichquartett, in diesem Fall chorisch besetzt bzw. bearbeitet. Was man sonst an Kammermusik besonders schätzt, nämlich Intimität und individueller Ausdruck, wurde hier ins Gegenteil verkehrt: Distanz und Uniformität bei akkuratem Zusammenspiel.

Das in Ankündigung und Motto („volare“) beschworene „italienische Lebensgefühl“ wurde mit der musikalischen Ausführung in Frage gestellt – sofern man es als leicht, lebhaft, direkt, spontan verstehen will. Erst recht mit dem Abschluss-Stück, Igor Strawinskys in diesem Fall ebenfalls nachbearbeiteter „Suite italienne“, in der barocke italienische Themen (früher Pergolesi, mittlerweile Domenico Gallo zugeschrieben) zu neuer Musik verarbeitet sind.

Alle fünf Sätze wurden zu einem irritierenden Spiel der Gegensätze zwischen dem sich dezent zurückhaltenden Ungarischen Kammerorchester und Leonard Elschenbroich, der sich als „junger Wilder“ am Cello aufführte und in seinem geradezu extravagant übertriebenen Solopart – gemeinsam mit Strawinsky – die italienischen Themen und Klischees unter seinen flinken Händen zusehends zerbröckeln ließ.

Für die Zugaben war Elschenbroich zuständig: Einer Sonate von Paul Hindemith („der Lehrer meines Großvaters“, so der Cellist) folgte ein Bachscher Solosuiten-Satz als unerwartet meditativer Abschluss.

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