Ein Rolltor mit Hüftgelenk

Hinter dem Rennfahrer-Rolltor wartet der Drache mit Raketenantrieb - und das gleich neben dem Rapunzelturm: Der Kramer'sche Garten ist ein Gesamtkunstwerk. Und er ist das Zeugnis eines arbeitsreichen Lebens.

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  • Das Weltall mit Sonne und Mond am Anfang, die Weintrauben weit hinten: Peter Kramer hat sein Leben in Fassringe geschmiedet und einen Zaun daraus gemacht. Fotos: Evelyn Rupprecht 1/4
    Das Weltall mit Sonne und Mond am Anfang, die Weintrauben weit hinten: Peter Kramer hat sein Leben in Fassringe geschmiedet und einen Zaun daraus gemacht. Fotos: Evelyn Rupprecht
  • Das künstliche Hüftgelenk ist die Gangschaltung im "Rennfahrer-Rolltor", das den Blick freigibt auf den Eis(en)mann und das Wohnhaus in der Gönninger Straße 112. 2/4
    Das künstliche Hüftgelenk ist die Gangschaltung im "Rennfahrer-Rolltor", das den Blick freigibt auf den Eis(en)mann und das Wohnhaus in der Gönninger Straße 112.
  • Sabine Kramer mit ihrem Vater, dem "Schembergpeter". 3/4
    Sabine Kramer mit ihrem Vater, dem "Schembergpeter".
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Sabine Kramer legt ihrem Vater sanft die Hand an die Schulter und schaut zu ihm auf. Peter Kramer lächelt zurück - aus vier Augen und drei Mündern. So eben, wie ihn Billy Tröge mit seiner Kettensäge erschaffen hat. Aus Bergahorn geschnitzt, kann Peter Kramer, der 2010 gestorben ist, so weiter in seinem Garten zuhause sein, den Blick in alle Richtungen lenken und verfolgen, was die Tochter so anstellt mit seinem Erbe - einem alten Haus und einem Garten in der Gönninger Straße.

"Schaffwerk" hat die Erbin das genannt, was der Vater ihr hinterlassen hat. Ein passender Name: Schließlich hat Kramer, der Gebäude und Grundstück Anfang der 1990er Jahre gekauft hat, hier all das zusammengetragen und bearbeitet, was andere Leute nicht mehr brauchen können. Der gelernte Schlosser, den viele Pfullinger noch heute als Wirt des Schönberg-Kiosks in Erinnerung haben, hat alte Dinge gesammelt, sie miteinander verbunden, ihnen einen neuen Sinn gegeben. Dass die Tochter das Erbe nicht verkommen lässt, sondern daraus nun einen "Kulturbetrieb für andere Perspektiven" macht, hätte Kramer wohl gefallen. Und dass sein Garten heute, beinahe fünf Jahre nach seinem Tod, noch fast unverändert ist, und gleichzeitig wieder mit Leben gefüllt wird, das dürfte ihm mehr als recht sein. Mittendrin natürlich immer er selbst - als kettengesägter, hölzerner "Schembergpeter", dessen Schulter die Tochter jetzt loslässt, um durch einen Garten zu führen, der ein Gesamtkunstwerk ist und eine Kramer-Biografie überdies.

In wagenradgroße Fassringe hat er zu Lebzeiten alles geschmiedet, was ihm wichtig war. Die Olympischen Ringe für den Sport, den er so liebte, das Weltall mit Sonne, Mond und Sternen, eine Zielscheibe, weil er im Schützenverein war, einen Bären für den Höhlenverein und eine Brezel fürs gute Essen, das ihm so wichtig war. All die Fassringe hat er am Eierbach zu einem Gartenzaun zusammengesetzt, der - beinahe - nahtlos übergeht in das "Rennfahrer-Rolltor". Dessen Gangschaltung besteht aus einem künstlichen Hüftgelenk, von dem bis zum heutigen Tag keiner so genau weiß, wo Peter Kramer es herhatte. Ein Geheimnis vielleicht auch, das besser nicht gelüftet wird.

Was es mit dem Eis(en)mann auf sich hat, das weiß die Erbin indes ganz genau. Die Metallkonstruktion hat der Vater im Jahr 2003 zusammengeschweißt. Sie besteht aus drei verschieden großen Kugelgeflechten, die, aufeinander gestapelt, schwer an einen Schneemann erinnern. "Wenn mein Vater im Winter aber Wasser drüber gegossen hat und alles eingefroren ist, wurde daraus ein Eismann", sagt sie, die eine schon beinahe liebevolle Beziehung zur "Drecklach" hat. Eine kleine Blechwanne, die Peter Kramer bei einer Wanderung gefunden hat, und auf der er den gesamten Berg runtergerutscht ist. Mit ihr als Grundlage hat der "Schembergpeter" später eine Art Pfütze gebaut, weil "halt jeder gescheite Hof a Drecklach braucht".

Nicht weit weg von der Drecklach steht der "fahrbare Drachen mit Raketenantrieb", den Billy Tröge, einige Jahrzehnte jünger als Peter Kramer, aber gut befreundet mit ihm, in einen Baum gesägt hat - genauso wie das Krokodil, das eines der ersten Werke des Pfullinger Kettensägekünstlers war. Der Rapunzelturm, ein runder begehbarer "Holzbeig" mit versteckter Eingangstür, und der "Eierbach-Ötzi", den Tröge ebenfalls nach einer Idee von Peter Kramer gestaltet hat - sie gehören zu einem Garten, der "viele Leute den Kopf schütteln lässt", wie die Erbin weiß. Andere, erzählt sie, hinterfragen das Sammelsurium, wollen mehr darüber wissen - auch über Peter Kramer, der zu Lebzeiten nichts Altes hat wegwerfen können. Der nicht den materiellen Wert der Dinge, sondern ihren ideellen gesehen hat. Weshalb die Tochter, um langfristig den Kulturbetrieb in Haus und Garten an der Gönninger Straße zu sichern, auch die "Agentur für unschätzbare Werte" gegründet hat.

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