Ein nicht fassbares Phänomen

Hat er es am Ende doch noch geschafft, weil es jetzt ein Theaterstück über ihn gibt? Das LTT zeigt ein "Political" über den streitlustigen und umstrittenen Stehaufschwaben Palmer in all seinen Widersprüchen.

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Nach dem Stück ist vor dem Stück: Als der langanhaltende Premieren-Applaus abebbt, hört man aus dem Off immer noch Helmut Palmer, wie er seine Reden schwingt: „Alle, die hier lachen, waren ehemalige Nazis. Denn über diesen Fall kann man nicht lachen.“

Das LTT versucht’s dennoch ein bisschen, aber nicht nur das: Es zieht das „Einzelschicksal“ Palmer nicht nur ins Lächerliche, sondern auch ins Tragische, ins Musikalische, ins Parodistische, ins Bitterernste, ins Ironische, ins Überhöhte, ins Politische, ins Private, ins Psychologische. Und ins Psychiatrische, auch wenn „alle, die Palmer psychiatrisieren mit Hitler selektieren“. Palmer lässt sich offenbar weder kategorisieren noch vereinnahmen. Und so will auch das LTT-Projekt das Phänomen Palmer nicht erklären und bewerten, sondern nur aufdröseln und vorführen. Auch wenn die Auswahl der Texte – man lässt den Remstalrebellen und seine Zeitgenossen selbst zu Wort kommen, mit Auszügen aus Briefen, Reden, Büchern und Anzeigen – mitunter sehr ins Märtyrerhafte, Elegische und Verbitterte gehen.

Trotzdem ist Palmer mit all seinen Widersprüchen nicht richtig zu fassen, weder politisch, noch persönlich. Die Regie macht daraus eine dramaturgische Tugend und vervierfacht ihn einfach, stellt vier multifunktionale Palmer-Puppen mit starken Stimmungsschwankungen auf die Bühne, die in den verschiedensten Palmer-Rollen ihr biografisches Lied singen: Ein Palmer-Porträt als „Puppenoper“, da besteht zwar die Gefahr, dass das Stück leicht überproduziert wirkt, kommt aber trotzdem ganz gut. Schießlich sind Bio-Dokus nicht immer die spannendsten Theatergeschichten, und so ist doch für Auge und Ohr einiges geboten – ganz wie beim Original-Palmer.

Für noch mehr Abwechslung sorgen die ständigen atmosphärischen Wechsel zwischen Bewunderung und Lächerlichmachung, Klamauk, Tumult, Psychodrama, Musical-Parodie, Trash und Politstück. Regisseur Gernot Grünewald will sich in seiner Einschätzung des streitbaren Palmers nicht festlegen und zeigt ihn deshalb abwechselnd als einsamen Verfechter der wahren Demokratie, als Justizopfer, als Kämpfer gegen das Vergessen der NS-Verbrechen, der immer wieder darauf hinwies, wie viele ehemalige Nazis noch in Amt und Würde stehen.

Das Stück präsentiert ihn aber auch als narzisstischen Besserwisser, unerbittlichen Wahlkämpfer, verbitterten Justizprovokateur und verzweifeltes Justizopfer, als unbeugsamen Beleidiger und Beleidigten, als Möchtegernmessias, der sich für sein Land opfert, als Energiebündel, missionarischen Obstbaumschneider und gequälten Häftling. Ein politischer Entertainer, origineller Marktschreier und Aktionskünstler, der permanent erfolgreich scheitert. Oder war er doch nur wie ein kleines gekränktes Kind auf der Suche nach Aufmerksamkeit?

Eins scheint sicher: Seine Gegner haben ihn lieber für verrückt erklärt und mal wieder zu einem Bußgeld verknackt, als sich inhaltlich mit ihm auseinander zu setzen.

Und so zeigt das Stück ständig einen anderen Palmer. Die Regie lässt ihn viel reden (und singen), macht aber die wahre Stimmung über die Musik (Dominik Dittrich), mit der Palmer seine Botschaften in schmissigen, traurigen, selbstmitleidigen, sakral-märtyrerhaften Songs, Rezitativen, Knast-Elegien, Motivationsschlagern oder Yes-We-Can-Cheerliedern an den Mann bringt. Mal ist das Stück Musicalparodie und mal politisches Krippenspiel, in dem Palmer zu sakraler Heilsmusik sein Kreuz gen Hohenasperg schleppt.

Dann zeigt er sich plötzlich wieder ganz pragmatisch und schwäbisch verspießt, als kleingeistiger Moralapostel und intoleranter Toleranzprediger. Inhaltlich durchaus ein Visionär und Vordenker, geht er gegen Plastiktüten, Atomkraft, zu hohe Leitplanken und Bordsteine vor. Gerne hätte man noch mehr über seine konkreten Visionen erfahren, aber dem Stück geht es mehr um Palmers Persönlichkeiten.

Diese teilen Laura Sauer, Patrick Schnicke, Lukas Umlauft und Raphael Westermeier unter sich auf, singen und agieren dabei ganz hervorragend und gefühlvoll mit ihren ausdrucksstarken Palmer-Puppen, die als Klappmäuler sowohl Comedy als auch Charakterkopf können: Alle vier Palmer schaffen es, unheimlich traurig, zerknittert, verzweifelt dreinzublicken, aber auch mit vollem Körpereinsatz für die gute Sache (und das Land) zu kämpfen, zu singen und zu trommeln, sich als KZ-Häftling oder als Talarträger mit Hakenkreuzbinde auf seinen Marktplatz zu stellen und Generalanklage zu betreiben, zwischen all den Obstkisten, Akten, Flugblättern und Chaos auf der Bühne (Michael Köpke) ihre Wut herauszuschreien, oder auf den Baum zu klettern und den Unterschied zwischen „Führerschnitt“ und „Direkt-Demokratie-Schnitt zu erläutern“: schöne Bilder, auch weil die Puppen sehr wandlungsfähig sind und als Nazi-Richter oder Polizisten ebenfalls tolle Figuren abgeben. Laura Sauer versucht als traurige, manchmal aber auch selige Erika-Puppe das Schlimmste zu verhindern. Die echte Erika Palmer wiederum verteilte am Ende Blumen an die Schauspieler und Stückmacher.

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