Ein Hoch auf schlechtes Benehmen

Let’s misbehave! – „Benehmen wir uns daneben!“ So heißt der Titel seines neuen Programms. Sicher ist, dass Ulrich Tukur mit seinen Rhythmus Boys die rund 400 Besucher in der Stadthalle Reutlingen bestens unterhielt.

|
 Foto: 

Gleich zum Auftakt macht Ulrich Tukur, der frühere Tübinger Student, Straßenmusiker, Ex-Hamburger Intendant und heutige Top-Schauspieler, den vielsagenden Titel seines neuen Programms wahr. Nur mit Hut und Jackett, aber ohne Hose bekleidet, betritt er die Bühne, um hernach den charmanten Herzensbrecher und flapsigen wie snobistischen Entertainer zu geben.

Im weiteren Verlauf des Abends zeigt sich der „Tatort“-Kommissar aber vor allem als hervorragender Musiker, der mit beschwingten Jazznummern und Songs aus den 20er und 30er Jahren beeindruckt. Er begleitet sich beim Singen auf dem Flügel oder auf dem Akkordeon selbst und macht dezent den Conferencier, während er den Klamauk seiner dreiköpfigen Band überlässt, die ihn mit Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug begleitet. Alle vier jeden falls bringen, mal im Transenoutfit, dann wieder seriös in schwarzen Anzügen, das Publikum mit trashigen Showeinlagen zum Lachen.

Am Anfang tönt aus den Lautsprechern die leiernde, blechern-verzerrte Fanfare der 20th Century Fox. Sie klingt wie das versehrte Überbleibsel einer versunkenen Zeit. Ulrich Tukur hatte seit je ein Faible für das Alte, Vergessene. Er hat diese alten Schlager und Swingnummern schon gesungen, als es Max Raabe noch nicht gab und Götz Alsmann niemand kannte.

Immer wenn Tukur mit seinen Rhythmus Boys auf Tour geht, bietet er eine Zeitreise in die Welt von gestern -–die Schizophrenie, dass gerade damals die anrührendsten Melodien erfunden wurden, ist ihm dabei ein Rätsel, das er nie ausblendet. Denn gemütlich ist die imaginierte Vergangenheit nicht, die Tukur da aufblühen lässt. Eher schon ist sie aberwitzig, dem Irrsinn nah, zuweilen auch geschmacklos, anarchistisch überdreht.

Diesmal erweist Tukur vorwiegend den großen US-Komponisten wie Cole Porter, Irving Berlin und George Gershwin – musikalisch und in munteren Anekdoten – seine Reverenz. Zunächst unterscheiden sich seine Lieder kaum von den Schmachtfetzen der Vergangenheit, die Texte aber scheinen etwas vom Künstler Tukur selbst zu verraten.

Sarkastisch sind sie, provokativ und zum Teil mit zynischen Pointen bestückt. Wie er diese Texte zu seinen eigenen macht, wie er sie ausschmückt und zelebriert, das hat etwas Provozierendes und gleichzeitig Charmantes.

Tukur verwandelt auch seine Konzerttourneen in Theater, Varieté, Entertainment. Das Subversive, das den alten Liedern eigen ist, stülpt er offensiv nach außen. Die Balance zwischen theatralem Wahnsinn und Klamauk ist indes schmal, Abstürze sind da inbegriffen.

Umgekehrt bekommt man viel zu sehen: den riesigen Bassisten Günther Märtens (208 cm) etwa, der auch als kopfloser Riese sowie Bauch- und Stepptänzer eine gute Figur macht. Den sehr kleinen Schlagzeuger Kalle Mews (154 cm), der eigentlich ein trauriger Clown ist und im Tutu herumtänzelt. Den fetthaarigen Gitarristen Ulrich Mayer, der Schwäbisch redet und fragt, wieso die Frauen sich ausgerechnet für ihn nicht interessieren.

Und natürlich Tukur selbst, der eine Präsenz hat wie kaum ein anderer seiner Branche. Längst ist das Material, das er spielt, im alten Stil neu erfunden: Herrlich seine Lesart von Nina Simones „Love me or leave me“, unvergleichlich, wie er ollen Gassenhauern wie Louis Armstrongs „I can't give you anything but love“ oder Ray Charles’ „Georgia on my mind" einen neuen, widerständigen Anstrich verpasst.

Und zuletzt Helmut Käutners „La Paloma“ als grandiose instrumentale Nachtschattenversion. „Auf Matrosen, ohe“, summt man da fast traurig vor sich hin und sieht die Rhythmus Boys von der Bühne gehen: „Einmal muss es vorbei sein.“

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Handwerk? Hat was!

Um sich ein Bild über die steigende Zahl von Abiturienten im Handwerk zu verschaffen, startete die Kammer eine Umfrage unter den aktuell 606 Abiturienten, die derzeit in der Region im Handwerk ausgebildet werden. 134 von ihnen, immerhin gute 22 Prozent, antworteten. weiter lesen