Ein heißes Saisonfinale

Ein Ausnahme-Ensemble zum Saisonschluss: das Trio Jean Paul. Es fesselte das Ohr des zahlreich erschienenen Publikums mit Klaviertrios von Ludwig van Beethoven, Mauricio Kagel und Antonin Dvorák.

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Tiefenschicht mit Spiegelbildern: Das Trio Jean Paul beschloss die Saison 2014/15 im Kammermusik-Zyklus.  Foto: 

Seit mehr als zwei Jahrzehnten musizieren sie als festes Trio, Ulf Schneider auf der Violine, Martin Löhr am Cello und Eckart Heiligers am Flügel.

Sie überzeugen mit hervorragenden Auftritten und CD-Einspielungen, teils gemeinsam mit namhaften Solisten. Mit der Wahl ihres Namenspatrons geben sie ihre Nähe zur Romantik kund.

Ihr Reutlinger Programm in der Stadthalle beginnen sie mit einem Klassiker: Beethovens Klaviertrio Es-Dur op. 1 Nr. 1. Damit ehrte der junge Komponist die Vorbilder Mozart und Haydn und rückte das Trio in die Nähe des Streichquartetts, vor allem durch die sorgfältige Balance der Einzelstimmen.

So musizierte das Trio Jean Paul auch das Werk: klar, kontrastreich und differenziert. Es bestach durch Perfektion in Technik und Zusammenspiel sowie durch nuancierte Tongebung. Der Kopfsatz: abwechslungsreicher Musikgenuss pur, der ruhige zweite Satz: edle Schlichtheit mit reichen Schattierungen und Spannung zwischen den Einzeltönen. Bewusst wird artikuliert, behutsam der kostbare Schluss platziert.

Mit dem Scherzo und dem Finalsatz dringen die drei Musiker in Tiefen vor, die man unter der klassisch-schlichten, unterhaltsamen Oberfläche kaum vermutet hätte. Die Art, wie Ulf Schneider das schnelle Sprungmotiv jedesmal anders nuanciert, öffnet das Ohr für ungeahnten Detailreichtum. Musizierfreude zeigt sich hier als Spaß am Ausloten all der Möglichkeiten, die Beethoven und die Noten bereit halten.

Wahrlich kein Spaß ist Mauricio Kagels Klaviertrio Nr. 2, das sich in hartem Kontrast an Beethoven anschließt, notiert am Mittag des 11. September 2001 unter dem Eindruck der Terroranschläge. Was sonst Kagel auszeichnet, etwa das ironische Spiel mit den Konventionen, lässt er hier beiseite.

Das Stück ist eine expressive, ausgedehnte Trauermusik im Rahmen der Tradition, auch wenn avancierte Techniken zum Einsatz kommen. Das Entsetzen über die Dimension des Terrors - hier wird es Klang. Allerdings über weite Strecken so pathetisch und plakativ wie ein Soundtrack zu einem Katastrophenfilm: Da schreien die Saiten, erzittern in anhaltenden Tremoli, gellen in schmerzhafter Ekstase. Der Flügel donnert, Violine und Cello gehen in fahlen Glissandi zum Sinkflug über, der Schmerz wird vielfach gesteigert und endet in sprechendem Verstummen. Die Trio-Musiker setzen sich mit ihrem ganzen Können und ihrer Sensibilität ein, sie gehen bis an die Grenzen.

Stehen sie auch danach noch unter dem Bann dieser entfesselten Expressivität? Oder macht sich die Gewitterschwüle im Raum bemerkbar? Antonin Dvoráks Klaviertrio f-Moll op. 65 wird nämlich so dramatisch interpretiert, als gälte es, mit Kagels Trio gleichzuziehen.

Dvoráks Idee für dieses Trio war wohl motivische Verdichtung nach dem Vorbild des Freundes Brahms, eventuell auch die Verarbeitung einer schwierigen Lebensphase; bevorzugt werden Moll-Tonarten. Doch das muss nicht heißen, dass die Interpretation das Werk aufheizt - man könnte auch auflichten und strukturieren.

Das aber liegt den drei Musikern hier fern, sie inszenieren eine Sinfonie der düsteren Leidenschaft, geprägt durch die Tiefenregister des Klaviers und einen "romantischen" Streicher-Stil alter Schule. Am Ende herrscht Einheits-Fortissimo. Wo sind die kammermusikalischen Nuancen, die zarten Töne? Wo bleibt die Frischluft, die Erlösung in Dur? Sie kam - ganz am Ende des heißen Konzertfinales. Herzlicher Applaus, verständlicherweise keine Zugabe.

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