Ein bezaubernder Schwarm

Ein Roller fährt um die Welt: Seit 1946 bauen die Italiener die flotten Flitzer, die laut Sammlerexperten eine sicherere Geldanlage als Wertpapiere sind.

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  • Während (von rechts) Dirk Mezger und Jan Buchholz über dessen Vespa fachsimpeln, schaut Nina aus dem Beiwagen zu. 1/2
    Während (von rechts) Dirk Mezger und Jan Buchholz über dessen Vespa fachsimpeln, schaut Nina aus dem Beiwagen zu. Foto: 
  • Zwischen der Inspektion beim TÜV blieb noch genügend Zeit, um sich beim mobilen Roller-Friseur Decio Laraia die Haare schön machen zu lassen. 2/2
    Zwischen der Inspektion beim TÜV blieb noch genügend Zeit, um sich beim mobilen Roller-Friseur Decio Laraia die Haare schön machen zu lassen. Foto: 
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Popstar Jennifer Lopez hat es bereits in einem Kalender auf den Rücksitz einer Vespa geschafft. Mal schauen, ob dies nicht später auch einmal Nina aus Reutlingen gelingt – gerne auch im Seitenwagen. Die Sechsjährige war zusammen mit ihrem Papa Jan beim Fest zum 70-jährigen Bestehen der „Wespe“, so die deutsche Übersetzung aus dem Italienischen, mit dabei. Und eine eigene Motorroller-Jacke hat sie natürlich längst.

Der Vespa-Club Reutlingen traf sich am Wochenende bei Weißwürsten beim TÜV In Laisen, was sehr praktisch war. Denn dort konnten die stolzen Besitzer der Zweirad-Ikone vom Vespa-Club-Reutlingen, den es seit 1992 gibt, bei Bedarf ihr neues Vollgutachten machen lassen.

Das ist auch notwendig, wenn man, wie Vereinsvorsitzender Dirk Mezger die 30 PS seines Rollers in „Rallye-Orange“ für den Straßenverkehr genehmigt haben möchte. Die meisten der im Leerlauf so unvergleichlich tuckernden Zweitakter kommen mit 12 PS vom Band. Für Ausfahrten wie in der Wüste Marokkos braucht man aber jede Menge Drehmoment mehr, weiß Mezger.

Und die Ersatzteilfrage? Eine Begleit-Maschine ist stets gut bestückt. Doch auf dem Maghreb-Trip brauchten die Vespa-Piloten nichts davon. Besonders die Elektrik der Vespas sei sehr zuverlässig, versichert Mezger. Mit Gleichgesinnten hat er diese Tour ebenso schon unternommen, wie Reisen durch ganz Europa. Und dort finden Vespa-Anhänger überall Freunde des „tö-tö-tö-tö-Töffs“. Die Schweizer nennen alle motorisierten Zweiräder „Töff“.

Bei den „Vespa World-Days“ in St. Tropez vor drei Wochen knatterte ein Wespenschwarm von über 5000 Rollern die Strandpromenade entlang. So auch eines der 16 Vespa-Exemplare, die Kosta aus Reutlingen besitzt.

Ein anderes interessantes Stück hat der griechische Geschäftsmann, er dealt mit Vespa-Motoren, unlängst unter einem Olivenbaum auf Rhodos gefunden. „Der Roller ist 35 Jahre alt. Zusammen mit meinem Sohn baue ich den jetzt komplett neu auf“. Ganz wichtig – und den Sammlerpreis bestimmend – „ist bei jeder Vespa immer der Original-Lack“, so der Hellene, der sich da bestens auskennt.

Wo er seine guten Stücke lagert, verrät Kosta natürlich nicht, nur so viel: Zwei seiner edelsten Vespas „sind im Wohnzimmer – und das hat eine gute Alarmanlage“. Wie überhaupt die Vespa eine sehr gute Kapitalanlage sei. Kosta ist überzeugt: „Das ist sicherer als Bankenfonds oder Lebensversicherungen“.

Eine Art Lebensversicherung soll auch die neue ABS-Bremse sein, die Vespa seit 2015 erst verbaut. Ob das wirklich etwas bringt, glaubt Fahrlehrer Wilfried Mayer (51) aus Pforzheim aber nicht so recht. Der Mann besitzt ein Gespann, das er 1991 gekauft hat. „Bald aber bekam die Maschine ein zweites Chassis.“ Rund 150?000 Kilometer hat sein Gefährt jetzt auf dem Buckel. 1950 gegründet, ist der Pforzheimer Vespa-Club der älteste in Deutschland.

Die neue, mobile Freiheit der Deutschen begann in den 50er-Jahren – auch mit dem vergleichsweise günstigen Vespa-Motorroller. Und natürlich war das beliebteste Ziel damals die Heimat der Wespe. Über die Alpen nach Bella Italia, das war der Traum, den man sich im aufkommenden Wirtschaftswunder durchaus schon leisten konnte.

Das weiß auch der 78-jährige Peter Vetter – und davon lebte seine Familie. 1937 gründete Otto Vetter in der Tübinger Froschgasse 5 eine Motorroller-Werkstatt, mitten in der Altstadt. Peter Vetter war bei dem Reutlinger Jubiläumstreffen selbstredend mit von der Partie. „In den 70er-Jahren haben wir die meisten Vespas verkauft“, erinnert er sich.

Asien hat wohl die größte Vespa-Gemeinschaft weltweit. Allein Vietnam verfügt über einen Bestand von rund 37 Millionen Motorrädern jeder Art, dies bei 90 Millionen Einwohnern. Jeder Haushalt, im Durchschnitt vierköpfig, verfügt statistisch über mehr als ein Zweirad. Reisebüros bieten schon lange und weltweit Moped- und Vespa-Erkundungstouren durch Vietnam an.

Vespistas lieben es, im Pulk zu fahren, die Zweitakter-Ausdünstungen sind dabei wohlgelitten, gehören zum Markenzeichen. Diese Fahne riechen Roller-Fans aus der gesamten Republik gerne.

Bei der klassischen Vespa GTS sind die Kunden heute mit einem Neupreis von rund 5000 Euro dabei, die edle 946er  kostet knapp unter 10?000 Euro.

Die Initiative zur Gründung von Vespa-Clubs ging unter anderem von dem Unternehmer Jakob ?Oswald Hoffmann aus (Hoffmann-Werke Lintorf). Er erhielt 1950 bereits vom Hersteller Piaggio die Lizenz, Vespa-Roller in Deutschland unter eigenem Namen zu fertigen. So steht’s im Lexikon.

Erster Präsident des Vespa-Clubs Deutschland war Ernst-August Prinz zur Lippe. Sportkommissar und Vizepräsident war der Auto-Rennfahrer Fritz Huschke von Hanstein. Hans Stuck, ebenfalls Rennfahrer, war von 1958 bis 1975 Präsident und Sportkommissar.

Auf den Vespa-Treffen galten damals strenge Kleidervorschriften. Ohne Anzug und Krawatte wurden Gäste nicht zum Vespa-Ball eingelassen. Vespa fahren heute aber Bauarbeiter ebenso wie Anwälte.

Wer als Vespa-Besitzer Gleichgesinnte sucht, kann sich beim Reutlinger Vespa-Club informieren: www.vespa-club-reutlingen.de.

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