Durch den Berg ans Ziel

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Geschafft: Norbert Heinzelmann ist am Ende der achtjährigen Bauzeit angekommen.  Foto: 

Wenn Du so eine Chance bekommst, dann greifst Du zu“: Dass er damals, vor über acht Jahren, Ja gesagt hat, das hat Norbert Heinzelmann bis zum heutigen Tag nicht bereut.  Im Gegenteil. Wenn er vor dem fertigen Scheibengipfeltunnel steht, dann keimt der Stolz in ihm. „Den haben wir gebaut“, sagt er. Wir: Das Team Straßenbau Nord/Referat 47.1 im Regierungspräsidium Tübingen. Wir: Die Mineure, die die Röhre in den Berg gesprengt und gefräst haben. Wir: Die Bauarbeiter, die der 3,1 Kilometer  langen Ortsumfahrung den Weg bereitet haben. Wir: Die Spezialisten, die in den Tunnel eine Innenausstattung vom Feinsten eingeschmiegt haben. Wobei das „Wir“ letztlich unter einer einzigen Regie zusammengefunden hat: Unter Heinzelmann, dem Großen, wie er genannt wird, weil‘s auf der Baustelle noch zwei Heinzelmänner gibt, die – man ahnt es schon – kleiner sind.

Mehr als acht Jahre seiner Berufslaufbahn hat der Bauleiter mit dem Scheibengipfeltunnel verbracht. Das ist fast schon ein Lebensabschnitt, der jetzt, mit der Eröffnung der Ortsumfahrung, allerdings seinem Ende entgegen geht. Wird ihm der Tunnel fehlen? „Es ist gut, dass es vorbei ist und wieder Normalität einkehrt“, sagt er. „Es könnten ja auch mal kleinere Brötchen sein“, die er als Ingenieur, der seit 28 Jahren beim Regierungspräsidium Tübingen arbeitet, bäckt. Andererseits: Würde im Bereich des RP noch mal so eine Röhre ins Gestein gestemmt: Norbert Heinzelmann würde wohl wieder in die Verantwortung gehen. Auch angesichts dessen, dass die Bauzeit zwar kräftezehrend, aber äußerst spannend war. Vor allem die bergmännische Erschließung, die dem ersten Spatenstich am 18. August 2009 folgte, hatte ihre Überraschungen parat. „Während der Vortriebsgeschichte, das waren die schlimmsten Zeiten“, blickt der Bauleiter auf die Jahre zwischen 2010 und 2014 zurück. Als die Mineure auf Hochtouren im Berg unterwegs waren, da wurde auf einmal eine erhöhte Gaskonzentration gemessen. „Es waren mehrmals kleinere Austritte und einmal ein größerer.  Das Methan, das hat man auf fünf Meter Entfernung noch gerochen“. Das bedeutete: Höchste Alarmstufe für alle, die am Gestein zugange waren. Als selbst die gestandenen Mineure, angesehene Spezialisten aus der Steiermark, Thüringen und Sachsen vorsichtig wurden und ohne Gasmessgerät am Körper keinen Schritt mehr taten, wurde es auch Norbert Heinzelmann mulmig. Dass sogar diejenigen, die sich normalerweise 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche in Lärm, Staub und Dunkelheit durchs Gestein sprengten und meißelten, auf einmal ihren Respekt vor dem Berg zeigten, das hat dem Bauleiter Sorgen und schlaflose Nächte bereitet. „Es war eine dramatische Geschichte“, erzählt Heinzelmann. Im schlimmsten Fall, sagt er, hätte der Bau ein halbes Jahr stillstehen müssen. Dass es dann nur vier Tage waren, die die Arbeiten ruhen mussten, kann man als Glücksfall bezeichnen. Die Eröffnung Ende Oktober 2017, die nun  kurz bevorsteht – sie wäre hinfällig geworden, hätten die Experten die Gasaustritte nicht so schnell in den Griff bekommen.

Doch nicht nur die Bauarbeiten haben dem Ingenieur so manches Mal den Schlaf geraubt. Auch die Verhandlungen mit den Anwohnern, deren Häuser unter den Sprengungen litten, waren aufwendig. Von Anfang an wurde ein Beweisaufnahmeverfahren durchgeführt, um die Schäden zu dokumentieren. Ob es bei der Gesamtschadenssumme von 400 000 Euro bleibt, steht derweil nicht endgültig fest, weil noch drei Klagen vor Gericht verhandelt werden müssen. Aber auch die Kostensteigerung von 109 auf 135 Millionen Euro hat den Bauleiter beschäftigt. Unter anderem die Umplanungen des Vortriebs, die die Gasaustritte nötig gemacht hatten, die ständig nach oben gehenden Materialpreise und Nachforderungen einer Baufirma haben den Scheibengipfeltunnel so viel teurer werden lassen, als einst gedacht. „Und wir werden auch noch ein gutes Jahr nach der Eröffnung mit den Abrechnungen beschäftigt sein“, schaut Heinzelmann voraus.

Was danach kommt? 54 Jahre ist der Bauleiter jetzt alt. Ein Jahrzehnt bliebe ihm also noch, um einen weiteren Tunnel zu bauen. Nur, dass ein derartiges Bauwerk im Bereich des Regierungspräsidiums Tübingen derzeit nicht in Sicht ist. Aber die Dietwegtrasse, die viele als unverzichtbare Ergänzung zum Scheibengipfel ab dem Nordportal sehen, könnte Heinzelmann noch auf den Weg bringen. Daran, dass als Anschluss an den Scheibengipfel- und den Ursulabergtunnel im Süden der Albaufstieg noch in die Zeit seiner Berufslaufbahn fällt – daran wagt Heinzelmann allerdings nicht mal im Traum zu denken. Wobei er, der im Hohensteiner Ortsteil Oberstetten wohnt, nur zu gut weiß, wie wichtig der Ausbau der Verkehrsachsen zwischen Tal und Alb wäre.

Jetzt allerdings ist der Bauleiter erstmal ganz und gar auf die Eröffnung des Scheibengipfeltunnels fokussiert. Ein Tag, dem er mit Stolz auf das Getane entgegensieht. Und von dem er sich erhofft, dass er die ersehnte Entlastung für die Reutlinger Innenstadt bringt. 20 000 Autos sollen täglich durch die Röhre rollen. Das Fahrzeug von Norbert Heinzelmann wird nicht dabei sein. Schlicht, weil sein Büro in der Gratwohlstraße in der Innenstadt ist. Sein „zweites Zuhause“, das die Baustelle für ihn in den vergangenen acht Jahren war, wird der Tunnel aber wohl auch nach der Öffnung am kommenden Samstag bleiben.

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