Dramatisch und mit Leidenschaft

Bravo-Rufe für ein Streichquartett sind selten. Im ausverkauften kleinen Saal der Stadthalle galten sie am Mittwoch dem französischen Quatuor Ébène.

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Ein Spitzenensemble aus Frankreich beschloss die Saison im Kammermusik-Zyklus: das Quatuor Ébène im kleinen Saal der Stadthalle Reutlingen. Foto: Marinko Belanov

Die vier Musiker gehören unbestritten zur Spitzenklasse. Übersetzt heißt Quatuor Ébène so viel wie "Ebenholzquartett". Seit ihren Anfängen 2004 haben Pierre Colombet, Gabriel Le Magadure, Mathieu Herzog und Raphaël Merlin eine glänzende Karriere hingelegt; als sie 2008 in Bad Urach auftraten, beeindruckten sie in der "Königsgattung" Streichquartett durch musikalische Hochspannung und perfektes Zusammenspiel. Seither haben sie sich weiterentwickelt. Dabei gingen sie weit über die Grenzen der Klassik hinaus; auf der eben erschienenen CD "Brazil" begleitet das Quartett Songs und Stücke von "Smile" bis "Libertango", gestrichen und gezupft.

Im aktuellen Programm nahmen zwei Klassiker des 18. und 19. einen des 20. Jahrhunderts in die Mitte: Mozarts Streichquartett Es-Dur KV 428 und Schuberts Streichquartett a-Moll (D 804) umrahmten Béla Bartóks Streichquartett Nr. 4.

Wo in anderen Konzerten die "neue" Musik eher als Pflichtübung zwischen den vertrauten Traditionswerken steht, wars hier umgekehrt: Während Mozart und Schubert vergleichsweise blass wirkten, wurde die Darbietung des Bartók-Streichquartetts zu einem atemberaubenden Musik-Erlebnis, das die Zuhörer zu begeistertem Jubel animierte.

Offenbar bietet Bartóks Partitur den Thrill, den das Ebène-Quartett sucht: Extreme Herausforderungen technischer wie musikalischer Art, eine Musik, die in den 1920er Jahren aus archaischem Material heraus neue Wege abseits der Trends suchte und fand.

Befördert durch ihr technisches Können und ihr enges Zusammenspiel gelang ihnen eine glänzende Interpretation, die so spontan wirkte, als spielten sie auswendig. Durchweg homogen, ob im kraftvollen Unisono oder in polyphon verschränkten Passagen.

Sie strukturierten die Partitur mittels einer Art Klang-Regie, die sie gezielt einsetzten, in vielfältigen, ja extremen Farben und Artikulationsweisen, vom fahlen vielstimmigen Flüstern über vibrierende Flächen bis zum barbarischen Saiten-Reißen am Ende.

Auch wenn manches vielleicht überzeichnet wurde, vermittelten die vier direkt die rhythmische und klangliche Kraft, die Bartók meinte, und zogen die Hörer mit hinein in ihr faszinierendes, detailgenaues Spiel der Saitenfarben und Strukturen - bis zum überraschend feinsinnig-heiteren Ende, dem großer Jubel seitens der Zuhörer folgte.

Diese geradezu dramatische Farbigkeit verliehen die Musiker auch zu Beginn Mozarts Es-Dur-Quartett KV 428. Undogmatisch, gleichberechtigt, immer auf dem Sprung, aus verhaltenem, fein ausbalanciertem Saitenspiel heraus mit Mozart einen Ausbruch anzuzetteln, als lausche der Komponist in die Zukunft und probe hie und da einen Aufbruch. Unüberhorbar war der Spaß am Zusammenspiel und an der Klang-Inszenierung, am Wettstreit der Kontraste und - zum Schluss - an dem kapriziösen Spielwitz, mit dem Scherzkeks Mozart und seine Interpreten den Finalsatz beenden.

Bei der Darbietung von Schuberts so genanntem "Rosamunden"-Quartett griff allerdings die oberflächliche, zweidimensionale Dramaturgie aus sehnsüchtiger Süße und leidenschaftlichem Ausbruch zu kurz.

Zudem wählte der Primarius einen vibrato-seligen, legeren Salonton, als spielte er auf beim Heurigen. Kann er, nach den Grenzüberschreitungen mit Bartók und der "Brazil"-CD, Schuberts vermeintlicher Simplizität derzeit nicht viel abgewinnen? Seis drum - der Applaus war dem Quatuor Ébène gewiss.

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