Drama, Blues, Komödienstadl

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Zwischen Kuhmist und Globalisierung: „Der verreckte Hof“.  Foto: 

Globalisierung meets Kuhmist: Der Lindenhof präsentiert eine schwäbische „Stubenoper“ auf einem verrückten Hof voller Jammer-Balladen, Burnout-Folklore und Existenz-Blues.

Alle stehen vor dem Sarg, nur nicht Mama Weidenbauer, die liegt drin – eine psychedelische Szene: Nebel wabert, Kühe starren, Saiten krächzen. Und Mama hat es kommen sehen. Wenn die Kühe auf der Wiese springen, wenn im Boden die Rüben zittern, dann kommt es schlecht, „des isch gwieß“. Zeit, die Zukunft zu regeln, bevor der Hof und man selbst verreckt. Ein Enkel und Statthalter muss her. Aber die Kinder sind mit sich selbst und ihrem Burnout beschäftigt. Also stellt sich die Mama ein wenig dementer, als sie eh schon ist, um Leben in die Bude zu bringen. Natürlich läuft alles aus dem Ruder.

In Georg Ringsgwandls 2012 uraufgeführte „Stubenoper“ treffen die Weltlage und der Mikrokosmos Kuhstall aufeinande. Längst hat die Globalisierung auch den kleinsten Flecken Hinterland erfasst – ein Stück wie gemacht für den Lindenhof, der jetzt eine schwäbische Fassung von Franz-Xaver Ott auf die Bühne bringt. Wobei sprachlich ein genauso gewollt gekünsteltes Durcheinander herrscht wie inhaltlich und musikalisch.

Bei Bedarf verwirrte Mama

Denn auf Mamas schon lange nicht mehr idyllischem Hof herrscht nicht nur prekäre Finanz- und Nachfolgernot, Chaos und hysterische Hektik, sondern auch ein fast schon postmodernes und sehr unterhaltsames Durcheinander an Musik- und Theatergenres – alles zwischen Ländler, Volksoper und Blues, Komödienstadl, Kabarett und Drama. Auch die Mama selbst ist unter der Regie von Christoph Biermeier eine sehr vielschichtige Figur: Sie wird dargestellt von einer Filz-Tiara, die sich alle vier Schauspieler abwechselnd überstülpen, um jeweils als gebrechliche, bockige und bei Bedarf verwirrte Mama verzweifelt zu versuchen, das Schicksal zu beeinflussen.

Mit ihren rustikalen Sprüchen – „I bin so frei, i brunz in die Milchbritschn nei“ – sorgt sie auch für ein wenig Folklore. Claudia Rüll Calame-Rosset hat dazu die Bühne mit Holz-Geschnetzeltem ausgelegt, auf denen die von Ringsgwandl hemmungslos klischeemäßig zusammengeschnitzten Figuren nicht allzu gradlinig laufen können. Sie wissen ja alle nicht genau, wo‘s lang geht zwischen all den familiären, beruflichen und globalen Zwängen und ihrem verzweifelten Kampf um ein bisschen Glück.

Sie wissen nur eins: Sie können und wollen die Alte nicht pflegen, und schon gar nicht den Hof übernehmen. Linda Schlepps kämpft als hysterische Tochter Gerlinde und als Heimat- und Sachkunde-Lehrerin mit den Folgen der „globalen Verwerfungen“ auf Kinder und Eltern und gegen das Kultusministerium, das sich immer neue Schikanen ausdenkt.

Und rennt deshalb als aufgekratzte, „frustrierte“ Dorfneurotikerin, „Kesselbürste“ und nicht gerade sympathisch gestaltete Midlife-Krise über die Bühne: ein singender Wutbollen, der sich nur ein wenig Anerkennung und ein Kind wünscht.

Das ist von ihrem Mann Günther (Stefan Hallmayer) nicht zu erwarten: Der „Schlappschwanz“ und verlogene Öko ist komplett ausgebrannt und sucht sein erotisches Glück anderweitig, zum Beispiel bei der pragmatischen Svetlana (Kathrin Kestler), der nicht zertifizierten Pflegekraft aus Moldawien. Die ist die einzige, die den Laden im Griff hat, während sich die anderen in ihren Jammer-Orgien und Ego-Elegien verlieren. Svetlana hält sich immer da auf, wo der größte finanzielle Effekt zu erwarten ist, so beim Sohn des Hauses. Berthold Biesinger gibt ihn  als schmierigen Finanzzuhälter, dem die Mama endlich ein Kind anhängen will. Wer letztendlich Svetlanas „Schwangerschaft“ zu verantworten hat, und ob sie überhaupt schwanger ist, wird nicht geklärt.

Mir sind fertig, fertig, fertig

Auch alle anderen Probleme nicht. Aber darum geht es auch nicht. Der Lindenhof will nur ein Panoptikum absurd alltäglicher Figuren vorführen und parodieren. Die, wenn es schon keine Hoffnung auf Glück gibt, sich wenigstens mit den verrücktesten musikalischen Mitteln ausdrücken wollen. Denn worüber nicht mehr geredet werden kann, darüber soll man singen. Und so wechseln alle nicht nur ständig in die Rolle der bockig halluzinogenen Mama, sondern auch die Instrumente, und (sprech)singen und musizieren ihren Daseins- und Financial-Blues, ihre Jammer-Walzer und Unglücksmärsche, was das Zeug hält.

Im hinteren Teil der Stube sitzen derweil Bernhard Mohl (Gitarre) und Erwin Rehling (Schlagzeug), und machen gute Miene zum derben Spiel, wenn die illustre Schar „Mir sind fertig, fertig, fertig“ singt und kleine Lebensweisheiten vertont: „Ratte gibt’s älleweil“. Sehr viel Applaus.

Nächste Vorstellungen „Der verreckte Hof – Stubenoper“ von Georg Ringsgwandl, weitere Termine: 23., 24., 25., 26. Mai, 28., 30. Juni, 1. Juli, jeweils 20 Uhr Theater Lindenhof Melchingen.

Karten (0 71 26) 92 93 94 und www.theater-lindenhof.de.

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