Diese Wunden heilt die Zeit nicht

Neun Jahre Haft verhängte gestern das Landgericht gegen den ehemaligen Leiter einer Wannweiler Pfadfindergruppe. Der 24-Jährige gestand, über zwei Jahre hinweg Jungs teils schwer missbraucht zu haben.

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Mit dem Urteilsspruch der 3. Jugendschutzkammer Landgerichts ist der Fall, der seit Bekanntwerden für viel Aufsehen gesorgt hat, nun immerhin juristisch aufgearbeitet. Die Wunden, die der 24-jährige Angeklagte durch seine Taten gerissen hat, werden aber wohl nur langsam verheilen. Zuvörderst die seelischen Verletzungen der zwischen 12 und 14 Jahre alten Jungen, die, so der Vorsitzende Richter Martin Streicher, über zwei Jahre hinweg einem "Schreckensszenario" ausgesetzt waren.

Der Angeklagte, so stellte die Kammer fest, hat sich an ihnen des schweren sexuellen Missbrauchs schuldig gemacht, indem er sich ihre sexuelle Neugier zu Eigen gemacht, ihr Denken manipuliert und sie innerhalb eines von ihm aufgebauten Lügengebäudes zur Verschwiegenheit verpflichtet hat.

Diese Geschehnisse beziffert das Gericht auf insgesamt 28 Einzeltaten, die der 24-Jährige an sieben Buben zwischen 2012 und 2014 beging. Schon alleine die schiere Anzahl und Dimensionen der Taten, werfe die Frage auf: "Was kann am Ende einer solchen Hauptverhandlung stehen?" Aufgabe des Gerichts sei es, dafür zu sorgen, "dass der Täter eine gerechte Strafe bekommt", wandte sich Streicher auch an die dichten Zuschauerreihen. Dort nahmen neben Eltern erstmals auch Opfer Platz. Aber Streicher hielt auch fest: "Wir können nur eingeschränkte Aufarbeitung leisten."

Das diese auch nach Prozessende noch lange Zeit dauern wird, davon geht er nach den massiven, psychischen Folgen für die Jungen aus: "Die Zeit heilt alle Wunden?" Davon könne man nicht ausgehen.

Im Gegenteil: die Folgen des Missbrauchs werden wohl zeitlebens andauern. Den Jungen nun Schutz und Hilfe zu gewähren, werde zu einer "schweren und großen Aufgabe" für die Eltern. Für sie wie auch ihre Kinder gebe es nicht die Möglichkeit, die der Täter sogar mit einigem Recht für sich reklamieren könne: Nach Verbüßung der neunjährigen Haftstrafe könne er behaupten, er habe für seine Handlungen den Kopf hingehalten. Gewissermaßen eine Einladung zur Verdrängung. "Ich hoffe nur, dass beim Verdrängungswettlauf mit der eigenen Psyche nicht die Einsicht auf der Strecke bleibt", so Streicher zum Angeklagten.

Eine Psyche, die mit der Präferenz für Jungs eine behandlungswürdige Sexualstörung aufweise und die Streicher insgesamt als "unreif" bezeichnete. Er habe mit den Taten und der Legende, die er um sich herum aufgebaut habe, seine sexuelle Unerfahrenheit und sein Minderwertigkeitsgefühl zu kompensieren versucht. Das so von ihm initiativ in Gang gesetzte Rad habe sich im Laufe der Zeit immer schneller gedreht: "Aber nicht weil die Kinder daran gedreht hätten, sondern weil sie keinen Widerstand geleistet haben." Genommen habe er ihre sexuelle Selbstbestimmung, verloren haben sie in "schwerem Umfang" ihre Würde. Er hatte ihnen die teils massiven, sexuellen Kontakte während Gruppenstunden, Freizeiten oder Übernachtungsaktionen als "Üben für später" verkauft - eine Ansage, die die pubertierenden Kinder leistungsbereit gemacht hätte: "Darauf anzuspringen ist schon harter Tobak", hält Streicher dem 24-Jährigen vor.

Dennoch: "Beim Angeklagten ist nicht alles Schwarz, aber viel Dunkel und wenig Licht", urteilte Streicher. Zugute hält er ihm, dass er mit seinem Geständnis den Buben eine Aussage vor Gericht ersparte.

Ob seine Taten nach einem Hinweis an das christliche Zentrum bereits ein Jahr zuvor hätten aufgedeckt werden können, ist sich Streicher nicht sicher. Dennoch: "Sensibilität hat gefehlt." Sensibilität, die er sich gegenüber Kindern auch in der breiten Öffentlichkeit wünscht. Seine Hoffnung, dass der Prozess dazu beitrage, stand am tatsächlichen Ende der Hauptverhandlung.

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