Die Wut ist noch da

Rap ist nicht tot: Am Montag meldete sich der in Stuttgart aufgewachsene Afrob nach kreativer Pause zurück. Immerhin rund 280 Hip-Hop-Fans strömten deswegen ins Reutlinger Kulturzentrum franz.K.

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"Afrob" zu Gast im Reutlinger Kulturzentrum franz.K.  Foto: 

Einst ist Hip-Hop ein zum Teil anarchisches, zum Teil tief demokratisches Prinzip der Selbstverwirklichung gewesen. Es bedarf ja nur einer Stimme, die über fette Beats und basslastige Soundlandschaften, gelegt wird.

Und heute? Da ist der Anspruch, etwas Eigenes zu schaffen, längst in den Mainstream eingegangen und wird von vielen Rappern mehr zitiert als gelebt. Das ist bei dem 37-jährigen Robert Zemichiel alias Afrob nicht anders. Er galt während der 90er Jahre gerade wegen seines provozierenden Wortwitzes, aber auch dank seiner zahlreichen öffentlichen Auftritte als einer der ambitioniertesten Rapper in Deutschland. Auch auf seinem jüngsten Album "Push" setzt sich das einstige Urgestein des Stuttgarter "Kolchose"-Clubs wieder kritisch mit den politischen Gegebenheiten und dem alltäglichen Rassismus in unserem Land auseinander. Dagegen entwickelt sich die Musik inzwischen immer mehr in Richtung der amerikanischen Originale.

Afrob und sein Co-Rapper präsentieren sich im franz.K als aufgeweckte Hip-Hop-Entertainer ohne große Mätzchen. Nicht weichgespült soll die Musik rüberkommen wie die Hits all der notorischen Goldkettchenträger aus den Charts, sondern von einer elementaren Kraft, mit rebellischer Attitüde.

Das gelingt Afrob zweifelsohne, die Wut ist noch immer da. Zwar ist dergleichen nicht wirklich neu. Auch nicht rasend originell, geschweige denn so doppelbödig, wie es zu den besten Zeiten des Deutschrap war. Aber immerhin erfreut Afrob des Öfteren mit kleinen Reminiszenzen an seine Vergangenheit, an wirklich gute Songs wie etwa "Rolle mit Hip-Hop", "Adriano (Letzte Warnung)" und "Reimemonster".

Wenn Afrob, das ehemalige Kolchose-Aushängeschild, nachdrücklich die deutschsprachigen Songs von der Bühnenkante rappt, dann bettet sich eher die rhythmische Eleganz als die inhaltliche Aussage in den basslastigen Sound, der von einem DJ kommt. Die Wiedererkennbarkeit der Titel funktioniert sowohl über charakteristische Beatmuster als auch über eingängige melodische Ösen, in die sich die Zuhörer immer wieder jubelnd einklinken. Das 100-minütige Konzert wird in seinem Verlauf immer deutlicher eine an musikhistorischen Zitaten überbordende Jamsession, die den HipHop als freie Form und als Füllhorn begreift.

Nicht nur, weil Afrob seine Songs live gerne ineinander mischt. Vor allem die zweite Hälfte ist wie ein Medley gestaltet. Da enden Songs plötzlich in einem improvisierten Freestyle-Gerappe, münden in ein Scratchsolo oder ein Call-and-Response-Spiel mit dem Publikum und werden mit einem Klassiker verschnitten. Zwischen zwei anderen Titeln legt der DJ eine groovige Soul-Nummer auf, und Afrob tanzt einfach nur dazu. Die Stimmung schaukelt sich jedenfalls zum Ende des Konzerts immer weiter hoch, und so manches seelenloses Gerappe wird schon mal mit zünftigen Freestyle-Einlagen aufgepeppt.

Wer sich an die reine Lehre hält, kann nicht viel falsch machen. Mit dieser Methode wirkt Afrob noch immer frischer als das Gros dessen, was auf einschlägigen Sendern zum Abschalten bewegt. Nein, deutscher Rap ist nicht tot. Er riecht zuweilen nur ein wenig abgestanden.

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