Die wenigsten Wohnungen sind seniorengerecht

Mehr Wohnungen fit fürs Alter machen: Im Landkreis Reutlingen gibt es rund 37 780 Senioren-Haushalte. Das geht aus den neuesten Zensus-Zahlen hervor. Diese hat das Pestel-Institut jetzt ausgewertet.

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Mit Technik lässt sich Wohnen in den eigenen vier Wänden bewerkstelligen.

Laut Zensus-Auswertung lebt mittlerweile in 32 Prozent aller Haushalte im Landkreis Reutlingen mindestens ein Mensch, der 65 Jahre oder älter ist. Der Wohnungsmarkt ist darauf jedoch nicht vorbereitet: "Nur ein geringer Teil der insgesamt rund 128 300 Wohnungen im Landkreis Reutlingen ist überhaupt seniorengerecht, sagt der Vorsitzende des Landesverbandes Baden-Württemberg vom Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW), Henning Kalkmann. Er spricht deshalb von einem "enormen Nachholbedarf" beim altersgerechten Bauen und Sanieren.

Sowohl Haus- und Wohnungseigentümer als auch Mieter können hierfür jetzt neben zinsgünstigen Krediten auch Zuschüsse vom Bund bekommen. Die staatliche Förderbank KfW (Kreditanstalt für den Wiederaufbau) gibt bis zu 5000 Euro pro Wohneinheit dazu, wenn das gesamte Haus oder eine Wohnung vollständig barrierearm umgebaut wird. Auch wer eine altersgerecht sanierte Wohnung kauft, kann das Geld bekommen. Selbst Einzelmaßnahmen unterstützt die KfW: Pro Wohneinheit gibt es einen Zuschuss von bis zu 4000 Euro. Darauf weist das Verbändebündnis Wohnen hin.

In dem Bündnis haben sich vier Organisationen und Verbände der deutschen Bau- und Immobilien-Branche zusammengeschlossen. Dazu gehören neben der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB), die Deutsche Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau (DGfM) und der Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW). Das Verbändebündnis Wohnen hat das Pestel-Institut mit der regionalen Untersuchung zum Senioren-Wohnen beauftragt.

Insgesamt stehen bundesweit zehn Millionen Euro für das altersgerechte Bauen und Sanieren zur Verfügung. "Hier gilt der Grundsatz: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst", sagt Matthias Günther. Das Verbändebündnis Wohnen rät Haus- und Wohnungseigentümern im Landkreis Reutlingen, die seniorengerecht umbauen wollen, die Sanierung möglichst zügig zu planen und den Zuschuss rasch bei der KfW zu beantragen. Es sei davon auszugehen, dass die Gelder im Fördertopf für das KfW-Programm "Altersgerecht Umbauen" auch in den kommenden Jahren schnell vergriffen sein werden. Denn bis Ende 2018 habe der Bund hierfür insgesamt lediglich 54 Millionen Euro bereitgestellt. "Benötigt werden aber mindestens 100 Millionen Euro - pro Jahr. Andernfalls droht ein Mangel an Senioren-Wohnungen - eine graue Wohnungsnot'", so das Verbändebündnis Wohnen.

Die Verbände appellieren daher an die heimischen Bundestagsabgeordneten, sich in Berlin für eine deutliche Aufstockung der Gelder stark zu machen. "Ziel ist es, die Wohnungen fit fürs Alter zu machen. Damit haben die Menschen die Chance, möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden zu leben und im vertrauten Umfeld alt zu werden", sagt Matthias Günther vom Pestel-Institut.

So ließe sich auch ein vorzeitiger Umzug ins Alten- oder Pflegeheim verhindern. Eine aktuelle Untersuchung im Auftrag des Bundesbauministeriums habe ergeben, dass rund 15 Prozent der Pflegebedürftigen der Gang ins Heim erspart bleiben könnte, wenn bei ihnen zu Hause die ambulante Pflege in einer altersgerechten Wohnung möglich wäre.

"So ein Pflegeplatz im Heim ist teuer. Dabei geht es um Geld, das private Haushalte und öffentliche Kassen sparen könnten. Für den Staat lohnt sich die Investition in das seniorengerechte Bauen und Sanieren allemal", sagt Günther. Die Untersuchung gehe von bundesweit rund 5,2 Milliarden Euro für Pflege- und Unterbringungskosten aus, die pro Jahr durch den konsequenten altersgerechten Umbau von Wohnungen eingespart werden könnten. Tendenz steigend.

Dabei sei das altersgerechte Bauen und Sanieren keine Sache des Alters: "Junge Menschen können damit schon früh für das Alter vorsorgen. Und jungen Familien kommt eine barrierearme Wohnung spätestens dann entgegen, wenn ein Kinderwagen im Haus ist", erklärt Matthias Günther.

Die KfW fördert beispielsweise Abstellplätze für Kinderwagen, Fahrräder, Rollstühle oder Rollatoren. Ebenso altersgerechte Kfz-Stellplätze und Überdachungen für den Wetterschutz. Aufzüge, Treppenlifte und Rampen gehören ebenso zum altersgerechten Umbau wie das Verbreitern von Türen, der Abbau von Schwellen und bodengleiche Duschen. Selbst für den Bau von Terrassen, Loggien oder Balkonen und für die Installation einer Gegensprechanlage oder die Optimierung der Beleuchtung kann es eine finanzielle Unterstützung geben.

Info Mehr Informationen zur Förderung des altersgerechten Umbaus bietet die KfW auf ihrer Internetseite www.kfw.de/inlandsfoerderung/Privatpersonen/Bestandsimmobilien/Barrierereduzierung

Stichwort: Das Pestel-Institut

Das Pestel-Institut mit Sitz in Hannover versteht sich als Forschungsinstitut und Dienstleister für Kommunen, Unternehmen und Verbände. Seit 40 Jahren unterstützen seine Recherchen, Analysen, Befragungen und Modellrechnungen in den Bereichen Regionalwirtschaft, Demographie, Wohnungsmärkte und Kommunalentwicklung die verschiedensten Institutionen bei der Planung ihrer Marktaktivitäten und Investitionen. Zu den Auftraggebern zählen Regionen, Städte und Gemeinden, Ministerien, Banken und Sparkassen, Energieversorgungsunternehmen und weitere Unternehmen der Privatwirtschaft sowie Verbände.

SWP

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