Die Wahrheit dieser Musik liegt tiefer

Er galt als Popstar des Jazz:  DerTenorsaxer Charles Lloyd bot mit seinem New Quartet beim Open-Air auf der Sudhaus-Waldbühne große Momente.

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Einer der wichtigsten Saxophonisten: Charles Lloyd.  Foto: 

Sein Oberkörper wippt rhythmisch, die Augen sind fest geschlossen. Je energischer sein Spiel wird, desto mehr verwandelt sich das Wippen in ein Kreisen, das seinen ganzen Körper erfasst. Fast wirkt es wie ein rituelles Bild, wie ein Gebet, eine inständige Fürsprache, die über die Musik weit hinausweist.

Charles Lloyd, der Saxofon spielende Einsiedler, will schon lange nicht mehr die Welt retten. Was er aber dagegenhalten kann, ist seine Musik. Eine, die Trost vermittelt und Kraft und Schönheit. Mit seinen Begleitern Jason Moran (Klavier), Reuben Rogers (Kontrabass) und Eric Harland (Drums) arbeitet er sich mit einem spitzbübischen Lächeln an der Geschichte des Jazz ab.

Lloyd tut dies mit der Souveränität eines Altmeisters, mal zupackend, mal in ungemein swingender Manier, über die sich die lyrischen, verletzlichen Melodien wie ein schützender Teppich legen. Dann wieder weist er seinen drei Mitspielern den Weg durch teilweise vertrackte Rhythmusmuster, die in hochelegante Jazzlinien münden.

Lloyd und sein New Quartet zeichnen sich durch überragende Technik und Kreativität aus, aber die Wahrheit ihrer Musik liegt noch tiefer. Sie ist verborgen in der Wärme, die sie ausstrahlt. In der Bereitschaft, das innerste Ich zu öffnen und nach außen zu tragen.

Und auch in der reifen Konzentration, mit der Lloyd dies tut. Eine Ausdrucksform dafür ist die langsame, melodisch gesättigte Ballade, die sich hier auf einem sehr aufgefächerten Klanggrund bewegt – mehr auf Farbflächen von Bass, Schlagzeug und Klavier als auf durchhörbaren Linien.

Aber Lloyd sucht in Tübingen auch das Gegenteil. Eine Woche nach seinem umjubelten Auftritt beim Montreux-Festival wendet er sich oft dem straffen, nach vorne drängenden, geradezu straight organisierten Jazz zu, der tief in der Geschichte verwurzelt ist und gleichzeitig enorm frei klingt.

Charles Lloyd, der seine Musikerkarriere Ende der 50er-Jahre in der Band von B.B. King startete und später auf Platten von den Beach Boys, Canned Heat und The Doors mitspielte, kann das Zentrum der Musik sein, ohne ständig aktiv eingreifen zu müssen. Er kann seinem genialen Pianisten Jason Moran große Freiheiten einräumen, die der auch expressiv nutzt. Er kann geschmeidig spielen, weich und zärtlich, aber auch zupackend, bissig, fordernd.

Nach gut zwei Stunden und einer weiteren Zugabe legt Charles Lloyd das Tenorsaxofon und die Querflöte zur Seite und erntet – zu Recht – Standing Ovations.

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